Lyka 13 Halloween



In meinem Park ist es von einem Tag auf den anderen richtig kalt geworden. Die meisten Vögel sind schon lange weg, ins Sommerland geflüchtet, da ist es angeblich immer schön warm. Der Speiseplan ist wieder eintönig geworden: Hopser und Graupelzchen. Auch die Baumspringer sind vorsichtiger geworden, aber ich glaube eher, damit sie ihre Vorräte besser voreinander verstecken können. Ich freue mich über den Herbst, mein Winterfell beginnt dicker zu werden, lange dauert es nicht mehr.


Das Grün in meiner Umgebung ist fast verschwunden, das Gras wird welk und die Bäume kleiden sich in rot, orange und gelb. Manchmal meine ich, meinen Park in Flammen stehen zu sehen, aber das sind nur die Blätter, die der Wind herumwirft und in Strudeln vor sich hertreibt.


Morgens sehe ich mechanischen Wildschweinen zu, die die Menschen gebaut haben: große Maschinen, in denen sie sitzen, über die Wege in meinem Park rumoren und die Blätter wieder auf den Rasen pusten, zu großen Laubhaufen zusammen. Ich grinse in mich hinein. Die Menschen, die diese Dinger gebaut haben, haben bestimmt noch nie eine echte Schweinehorde gesehen, denke ich. Denn irgendwie arbeiten sie anders herum: einrichtiges Wildschwein hat seine Schnauze auf dem Boden und pflügt mit der Nase durch die Erde, auf der Suche nach Pilzen und Wurzeln und Engerlingen oder einer unglücklichen Maus, die es überraschen kann. Die hinterlassen ein Feld der Verwüstung, nicht so eine schnurgerade leergefegte Spur. Das einzige, worin die gleich sind: sie machen eine Menge Lärm. Ich höre sie schon, wenn sie die Parkgrenze erreichen, und mache mich dann auf zu meinem Beobachtungsposten.


Ratatak sieht mit mir zusammen zu. "Früher war alles besser", schimpft er und hört sich ein bisschen an wie Amar, wenn er in den Tonfall seines Großvaters verfällt und alte Geschichten erzählt, die er von ihm als Welpe gehört hat. Ich lege den Kopf schief und gucke ihn irritiert an. "Da haben die Menschen gutes Fleisch gebracht. Jetzt kein Picknick mehr. Zu kalt", erklärt er mir und zieht mit seinem Schnabel Streifen in mein Fell. Schaudernd schüttele ich mich. "Früher", schnaube ich ihn an, "früher kennst du gar nicht. Du bist gerade mal ein paar Monde alt. Es wird noch kälter, glaub mir."


Natürlich haben auch die alten Krähen schon von Schnee und Eis erzählt, sagt er, aber er glaubt das nicht. Wir übertreiben, meint er. "Jetzt schon kalt, warum noch kälter?" "Weil es Winter wird." Als ich ihm von zuhause erzähle, schwenkt er ungläubig sein Köpfchen. Ich berichte ihm von goldenen Wäldern, soweit das Auge reicht und ein Vogel fliegen kann. Von Wildschweinen, Hirschen und Beutedieben wie Mardern und Füchsen. Wildschweine kennt er, sagt er. Die Vogelwarte, zu der Nouka seine Schwester Sku gebracht hatte, ist in der Nähe von einem Wald, da gabs die wohl auch. Raqtatak hat sie immer fleißig besucht und Grüße ausgerichtet von der alten und mir, bis Nouka sie irgendwann wieder hierher zurück gebracht hat. "Ihr müsst vorsichtiger mit Menschenmüll sein", hat er zu uns gesagt. "Drachenschnur gehört nicht zwischen Federn und Fell."


Auf unserer Lieblingswiese steht ein großer Baum, auf den er im Sommer manchmal geklettert ist und "Kuni", wie er Sku genannt hat, kommt oft hierher um zu sehen ob wir da sind. Aber nicht mehr um zu petzen, sondern weil sie sich dann sicher fühlt, sagt sie. Seit Nouka sie wieder hergebracht hat, ist ein bisschen Zeit vergangen, sie haben fliegen geübt. Mein Mensch hat denen von der Warte gesagt dass er die Zeit dazu hat. Er packt dann vorsichtig unter die Krähe und wirft sie ein Stück hoch, so dass Sku die Flügel ausbreiten muss und lossegeln kann. Ich glaube es macht ihr Spaß, denn sie lässt es sich gefallen und ist ganz ruhig, wenn er sie hochhebt. Die anderen Krähen kümmern sich ja mit und lassen sie nie ganz aus den Augen. Und ich bin auch noch da und könnte das eine oder andere Graupelzchen abgeben, wenn Sku mit ihrem Flügel noch nicht wieder klar kommt. Aber es klappt ganz gut, nur manchmal schaukelt sie ein bisschen, wenn sie gerade erst losfliegt.


Überhaupt sind die Krähen jetzt etwas besser auf "einzelne Menschen" - so nennen sie Nouka und ein paar Leute, die ihnen Futter hinwerfen - zu sprechen. Nicht nur Ratatak und Sku, auch ich bin dafür dankbar, damit dürfen die kleinen Federbälle nämlich wieder mit mir spielen.


Heute ist Nouka ein bisschen aufgeregter als sonst als er in den Park kommt. "Emi kommt wirklich zu Halloween her", sagt er und setzt sich mit zu uns auf die Wiese. Die alte Krähe war so frei und hat mir erzählt, dass das wieder eine Geisternacht ist. Ich freue mich darauf, denn ich denke, dass ich Nouka wieder ein paar Bilder zeigen kann. Und er sagt, wenn Emi mag, kommen sie dann in den Park und ich lerne sie auch kennen. Neugierig bin ich ja schon. Ob das Mädchen Wölfe mag? Ich quiele ihn zustimmend an, wenn Nouka jemand neuen in unser Rudel bringt möchte ich sie ja auch kennen lernen.


Mein Mensch ist so lieb und erklärt mir, was Halloween für Zweibeiner bedeutet. Alles verstehe ich nicht, nur dass dann böse Geister und Hexen verjagt werden sollen, indem man sich noch viel schrecklicher verkleidet als die aussehen. Aber inzwischen, sagt er, ist das eher was für Kinder. Die verkleiden sich dann als alles mögliche und gehen von Haus zu Haus, um Süßes einzusammeln. Ich denke an den kleinen Zweibeiner, der mir im Frühjahr einen Hasen aus Metall und Zuckerzeug gegeben hat, und überlege, ob Menschenfeste immer mit Futter verbunden sind. In unserem Rudel würde so etwas sicher auch nicht verpöhnt werden.


Während wir so dasitzen, kommen Sku unds Ratatak zu uns. Mein kleiner Federball springt mir zwischen die Pfoten, Sku ist etwas vorsichtiger und nimmt auf dem dicken Baum Platz. Als Nouka pfeift, kommt sie allerdings flugs herunter. Er zeigt Zähne und freut sich, dass sie immer noch Vertrauen hat, macht eine Dose auf und kippt den beiden den Inhalt auf den Rasen. Riecht komisch, stelle ich fest und schnuppere in die Richtung, wo die beiden Krähen ein Massaker veranstalten. Die glibberige Masse fliegt nur so umher, so gierig hacken sie auf den Fleischbröckchen herum. "Eigentlich ist das ja Hundefutter", sagt Nouka, "aber ich wollte ihnen auch mal was mitbringen. Als ich ihn mit schiefgelegtem Kopf grummelnd anschaue, grinst er und zieht noch zwei Schinkensandwiches aus dem Rucksack, klemmt sich eines zwischen die Zähne und gibt das andere mir. Ich liebe Schinkensandwiches uns fange sofort an darauf herum zu kauen. Meinem Menschen schicke ich einen besänftigten Blick und für einen Moment herrscht gefräßige Stille.


Sku und Ratatak putzen sich ihre Federn. "So einen Menschen zu haben ist was feines", meint mein schwarzer Federkumpel. "Meinst du, er bringt uns öfter was mit?" "Das weiß ich nicht" erwidere ich wahrheitsgetreu. Für mich ist ja auch nicht immer ein Sandwich drin, aber wenn ich dran denke, dass der Winter kommt, dann wird es für Sku schön sein zu wissen, sie wird auf jeden Fall satt... "Wenn ihr ihm zeigt, dass ihr euch richtig drüber freut, vielleicht", erkläre ich Ratatak also. Sofort fängt der mit schnarren an. Nouka guckt ziemlich erschrocken drein und steckt vorsichtshalber die Hände in die Taschen von seiner Jacke, weil Ratatak darauf schielt.


"Nein nein nein" tadele ich meine Schwarzfeder. "Nicht erschrecken, aufmerksam sein." Um ihm zu zeigen wie das geht, lege ich meinen Kopf auf Noukas Schulter und grummel freundlich und wedele etwas mit der Rute, dafür kriege ich das zweite Sandwich von ihm auch noch. "Siehst du?" frage ich und freue mich über den schnellen Erfolg. Als Ratatak mit den Schwanzfedern wackelt und auf Nouka zuhüpft um seine Aufmerksamkeit zu zeigen, sieht mein Mensch erst ihn, dann mich schräg an. "Was wird das denn", fragt er lachend, "bringst du den Krähen betteln bei?" Dabei bettel ich nie. Ich bin nur aufmerksam. Zu den Krähen dreht er seine leeren Handflächen. "Ich hab für heute nichts mehr", sagt er, "aber ich kann euch immer mal was mitbringen, wenn es kälter wird. Zumindest bis Kuni wieder richtig für sich sorgen kann." Wir haben es geschafft, freue ich mich. Aber das Krähen wedeln können, habe ich vorher auch noch nicht gesehen. Von Enten kenne ich das, wenn sie aus dem Wasser gewatschelt kommen. Nouka tätschelt mir den Kopf. "Ich muss los", sagt er und steht auf, um wieder nach Hause zu gehen. Seine Besuche sind jetzt im kalten nicht mehr wirklich lang.


Zurück bleiben die Krähen und ich Ratatak sucht sich noch ein paar Futterkrümel zusammen. "Dein Mensch hat wenig Zeit, oder", fragt er mich. Ich lege die Schnauze auf meine Pfoten und gucke in den Himmel. Am Horizont ist alles grau in grau. Vielleicht, weil der Herbst ins Land zieht. Vielleicht ist das aber auch schon der Herbst in mir, denke ich. Ein ganzes Jahr habe ich im Park gesessen und meinem Rudel nachgetrauert und überlegt wie ich sie wiederfinden kann. Eine Lösung hab ich immer noch nicht gefunden. Ab und zu wandern meine Gedanken zu Nouka und ich frage mich, wann dieses Halloween ist. Die Kraniche haben ihren Dienst ja nicht getan, ich hab es auch nicht geschafft, und nun bringt er bald jemanden mit und ich bin ganz neugierig.


Während ich so überlege, geht die Sonne schon unter und es wird dunkel. Der Mond steht wie ein gelber Ball am Himmel und lässt mich nicht schlafen, selbst wenn ich meine Augen ganz fest zukneife, dringt sein Licht in meinen Kopf. Es ist eine Aufforderung zum heulen, und schließlich gebe ich nach, ich setze mich auf, recke die Schnauze in die Höhe und heule. Ich lasse ein ganz langes "aaaaaaaaaaaaoooooooooouuuuuuuuu" durch die Nacht hallen. In der Ferne verklingt es, vielleicht ungehört von meinen Brüdern und Schwestern. Das einzige was ich bekomme, ist das Gebell von Hunden. Hier und da auch ein kurzer Heulton, aber Wölfe sind das ganz gewiss nicht. Vielleicht Nordhunde - die heulen auch noch, aber sie haben viele Laute vergessen, weil sie die bei den Menschen nicht brauchen. Ein paar Menschen höre ich auch bellen, vielleicht wollen die sich mit ihren Hunden unterhalten. Wahrscheinlicher aber ist es, dass sie einfach wieder Ruhe wollen... den Gefallen werde ich ihnen heute nicht tun. Ich heule noch einmal, plötzlich rumpst mir etwas in die Seite und erschrocken mache ich einen Satz zurück.


Es ist Ratatak. Benommen torkelt er auf mich zu. "Wusstest du, dass Krähen im dunkeln nicht gut sehen können?" Verwirrt blinzle ich. "Warum schläfst du nicht, Federwisch, wie die anderen? Krähen sind ja auch tags auf..." Entrüstet schnarrt er. "Wie soll überhaupt jemand bei dem Krach schlafen? Du weckst die ganze Stadt auf." Betrübt strecke ich meine Läufe aus und lasse mich ins Gras sinken. Seit wann versteht Ratatak das nicht? Ich hab doch schon so oft in der Dämmerung geheult und in der Nacht. Das liegt einfach in meiner Natur. "Ich fühl mich wieder mal alleine", gestehe ich ihm. Eigentlich kennt er das ja schon von mir und sagt dann, dass ich halt suchen soll. Jetzt legt er den Kopf schief und hopst in Richtung meiner Stimme, bis er so dicht vor mir ist, dass er einfach die Nähe spüren muss. Ich höre schon sein Herz schlagen. Er schnarrt, gräbt sich mit dem Schnabel in mein Fell und zieht sich meinen Rücken hinauf. "Ich werd bei dir schlafen, Vierbein", meint er. "aber dann musst du auch schlafen." Irritiert, erleichtert und glücklich einen solchen Freund zu haben, wiefe ich nur und rolle mich vorsichtig zusammen, damit er nicht herunterfällt. Ich merke, wie Ratataks Klauen sich um mein Fell schließen, das ziept ein wenig aber stört mich nicht weiter. Mein Fell ist dick genug um keine Kratzer abzubekommen.


Ich falle in einen dämmrigen Zustand, ohne wirklich zu schlafen. ImTraum lege ich meine Schnauze auf Netis' Rücken und höre seinem atmen zu und den Blättern, die im Wind rascheln. Auch in meinen Gedanken ist Herbst. Helaku, Maisha und Taiga sind nun schon groß, wenn auch noch nicht ganz erwachsen. Ihr plüschiges Fell ist rauher geworden, statt umher zu kullern staksen sie nun mit langen Beinen durch unsere Welt. Ich grinse in mich hinein. Die Welpensitter-Zeit ist ziemlich vorbei, bald wird Menekse den Wolf aussuchen, der für das nächste Jahr auf die Welpen achtet. Für Maisha, Helaku und Taiga waren Netis und Gaya verantwortlich. Ich habe ihnen auch ein bisschen was beigebracht, auch wenn Tikaani meint es wäre purer Unsinn gewesen. Aber Spaß haben will auch gelernt sein, oder nicht?


"Du, Netis?" Er gibt ein fragendes grummeln von sich. "Ist das schwer, die ganze Zeit mit den Welpen? Meinst du, ich hab eine Chance dass Menekse mich auch mal aussucht?" Netis dreht seinen Kopf zu mir und beißt mich sachte in die Nase, um mich wegzudrücken. "Einfach ist es nicht", meint er. "Wenn Taiga wird wie du, dann hast du einiges zu tun, ihnen die Flausen wieder auszutreiben." Ich will gerade empört fragen, da zieht er die Lefzen hoch. "Ein Springinsfeld warst du schon immer. Und Taiga wird das wohl auch." Hmpf. Ich drehe mich zur Seite und bin beleidigt. Irgendwann stupst Netis mich am Ohr. Während ich es wegdrehe, merke ich das ist alles nur ein Traum. Nur das Ohrstupsen bleibt, ich hebe den Kopf leicht und stelle fest, es ist mein Federkumpel.


"Du redest wenn du schläfst", verrät er mir. "Sie fehlen dir wirklich, oder?" "Hmm."

"Wenn du willst", bietet er mir an, "komm ich mit." "Mmh?" "Im Frühling. Die alten Krähen sagen es wird wieder wärmer. Und du bist hier nicht richtig. Vielleicht solltest du weiter suchen bevor du alt und grau bist." Das letzte ist ein Witz, den er sich von den Menschen abgeschaut hat. Die erzählen öfter mal was von grau wenn sie alt werden. Wenn ich sie mir so anschaue scheinen die älteren Zweibeiner wirklich Farbe zu verlieren. Bei Amars Vater soll seine Schnauze grau geworden sein, als er alt war, aber das weiß ich nur vom erzählen. Tatsächlich sind Menekse und Amar die ältesten - sie haben unser Rudel ganz neu angefangen. Wenn ich in den Fluß oder eine Pfütze schaue, bin ich schon grau mit braun. Aber so hab ich schon als Welpe ausgesehen und als ich das anmerke, sagt Ratatak was ich schon vorher dachte - es sollte ein Witz sein.

Ein halber zumindest, denn jünger werd ich tatsächlich nicht.


Ich glaube ich finde es gut dass Ratatak mitkommen will. Ob er sich in ein paar Monden noch draran erinnert? Jetzt sollten wir jedenfalls schlafen, denke ich und schließe meine Augen wieder als ich merke, Ratatak hat es sich wieder bequem gemacht. Bevor ich wieder in meine Träume verschwinde, höre ich ihn noch murmeln von Aufbruch und Abenteuer und bloß kein Nest. Aha, da läuft der Hase lang, hätte Nouka gesagt. Mir solls recht sein.


Als der Morgen dämmert, jammert Ratatak auch schon über die nächtliche Schaukelei und mir tut alles weh weil ich versucht habe mich so wenig wie möglich zu bewegen. Zu meiner Überraschung sind die Maschinen schon unterwegs und Nouka höre ich auch - seinen Gang erkenne ich auch wenn ich ihn noch nicht sehe. Wie Wölfe schleichen Menschen halt nicht. Und wir sind lauter als Katzen, das weiß ich auch.


Nouka sieht froh und nachdenklich zugleich aus."Hast du letzte Nacht so lange geheult, Lyka?" Die Antwort kann er sich denken, ich bin der einzige Läufer weit und breit. Sonst hätte er zwei Stimmen gehört, weil ich geantwortet hätte. Mindestens. Er seufzt und lässt sich neben mich fallen. "Du hast ja Recht", sagt er. "Ich hab leider nichts mehr von dem Rudel bei Dresden gelesen. Bestimmt sind sie da, aber die Menschen sehen sie nicht."


Ja, klar. Ich erinnere mich dumpf, dass Nouka mir vor einer Ewigkeit von einem dieser Flügeltiere, einer Zeitung, so etwas vorgelesen hat. Aber ich hab keine Ahnung was und wo ein Dresden sein soll. Damals war von komischen Fallen die Rede, die Bilder von den Wölfen fangen sollen. Ob sie denen inzwischen aus dem Weg gehen?


Der Blick meines Menschen ändert sich zu freundlich-ablenkend. "Emi kommt", sagt er. "Also, auch mit in den Park. Dann stelle ich euch vor." Das klingt gut und ich bin neugierig. Als wüsste er, was ich denke, grinst er verschwörerisch und knufft mich in die Seite. "Halloween ist in drei Tagen. Solange kannst du dich gedulden, oder?" Ich lege den Kopf schief. Noch drei Sonnenwechsel? Das ist nicht mehr lange. Dann kann ich ihm wieder erzählen, und ich muss mir so langsam überlegen was ich ihm erzählen will. Welche Bilder ich ihm zeigen will. Die Alte hat gesagt, das geht in dieser Geisternacht überall, nicht nur an einem Ort, wie ich das beim Maibaum dachte.


Ich freue mich darauf, und ich bin ein bisschen traurig. Denn Ratatak hat Recht - die beste Zeit zum wandern wird der Frühling sein. Das heißt, Nouka Lebewohl sagen. Aber wenn er jetzt ein Mädchen hat, gründet er vielleicht auch bald sein eigenes Rudel, oder? Mein Mensch guckt nur fragend, ich glaube, ich habe ausgesehen als wäre ich nicht ganz da. "Alles okay?" Ich sehe ich nur mit großen Augen an. "Drei Tage", sagt Nouka und streichelt über meine Stirn. "Die Geduld musst du schon noch haben."


Ich bin aufgeregt und kann die nächsten Tage nicht schlafen. Wie wird sie sein? Was wird sie denken? Als es endlich soweit ist, ich meine das zu erkennen an den vielen kleinen Menschen, die verkleidet unterwegs sind, tauchen auch zwei Erwachsene auf: den einen kenne ich. Nouka hat einen schwarzen Mantel an und ein komisch steifes Ding auf dem Kopf. Es sieht wie eine schwarzer Baumstumpf aus, der ganz glatt ist und unten einen breiten Rand hat. Das Mädchen an seiner Seite eine spitze Mütze, die die Farbe von voll aufgeblühtem Flieder hat, ein dunkles lila. Er redet leise mit Emi, bevor er sich mir zuwenden und näher kommen.


Ein krächzen schallt aus dem Baum und Sku lässt auf Nouka fallen. Das Mädchen erschrickt kurz, lacht dann aber und zaubert eine Dose Hundefutter hervor. Offenbar hat Nouka an alles gedacht, wie er das erste Treffen einfach machen kann. Auch Ratatak lässt sich nicht lange bitten und stakst zu Sku hin, um ihr Futter zu stehlen. Als sie fertig sind, lässt Nouka Emi einen Arm ausstrecken. Sku äugt von einem Menschen zum anderen, schließlich entscheidet sie dass es sicher ist und erklimmt Emis Arm, bis sie auf ihrer Schulter sitzt. Das Mädchen lacht.


Ich glaube, ich mag das Mädchen. Einen Schritt tappe ich auf sie zu, sie schaut etwas unsicher zu Nouka, der redet mit mir. "Lyka, das ist Emi. Eine ganz liebe, komm ruhig her." Zu Emi sagt er fast das gleiche. Vorsichtig schnuppere ich in ihre Richtung. Emi hat sich gefasst und redet mit mir. "Hallo Lyka", sagt sie und hält mir die flache Hand hin, "ich hab schon einiges gehört von dir." Wenn ich Noukas Mädchen anschau, denke ich, er hat endlich die eine gefunden. Ich schaue in ein freundliches Gesicht mit großen grünen Augen. Unter dem Hut quellen lange, schwarze Haare hervor, die ihr bis über die Schultern reichen und sie hat eine echt nette Stimme.


Sku auf ihrer Schulter gibt Knattergeräusche von sich, als es mit nieseln anfängt. Nouka grinst. "Wollen wir los?" Wir gehen im Park spazieren und am Rand des Parks an ein paar Häusern vorbei. Es sind inzwischen auch noch andere Erwachsene unterwegs, manche schwarz-weiß angemalt, andere ganz gruselig und sehen aus als wären sie einem Bären mit schlechter Laune begegnet. Ich kann die Farbe meterweit riechen und bin beruhigt, alles nur Gaukel der Menschen. Unsere Gruppe sieht bestimmt auch sehr merkwürdig aus: zwei Menschen, zwei Krähen und ein Wolf.


Mein Mensch klingelt an einer der Türen und ein Mann macht auf, der ziemlich grummelig und verwirrt drein schaut. "Halloween ist was für Kinder, das wisst ihr, ja?" Nouka grinst und beugt sich nach vorne und zieht den Hut. "Eher für gute Verkleidungen, meint Ihr nicht?" Ich glaub, dem Typ ist es eigentlich egal. Er hat neben der Tür eine Schüssel stehen, in die er greift und ein paar Sachen in Noukas Hut wirft. Damit ist die Tür auch wieder zu. Emi ist ein bisschen rot geworden, aber Nouka grinst noch immer. "Siehst du, hat geklappt. Man muss sich nur trauen." "Ich weiß nicht", sagt sie leise. Irgendwie hat er doch recht, wir sind zu alt dazu.." Quatsch, findet Nouka und beschließt dass diese eine Straße abgeklappert wird.


Einige Zeit später haben die beiden doch eine gute Beute zusammen gekriegt und wir sind wieder in unseren Park eingekehrt. Ich bin darüber auch sehr erleichtert, denn auch wenn jetzt wenige Blechkisten unterwegs sind, geheuer sind die mir nie ganz. Unseren Spaziergang lang haben andere Menschen mich immer wieder für einen Hund gehalten und beachten uns deshalb kaum. Wenn doch, dann wegen den Verkleidungen oder den Krähen. Weil es geregnet hat, setzen Nouka und Emi sich nicht noch einmal zu uns und bleiben leider auch nur kurz.


Meine Mensch gibt mir ein Schinkensandwich und will schon gehen, aber ich wollte doch noch erzählen. Grummelnd schiebe ich meinen Kopf gegen seine Hand, an seiner Reaktion sehe ich auch, dass es wieder passiert - wir können Gedankenbilder übertragen. Er zögert kurz undschaut mich fragend an. "Darf Emi das auch sehen?" Als Antwort stupse ich gegen Emis Bein und drücke meinen Kopf wieder gegen seine Hand. Nouka redet mit Emi. "Leg deine Hand neben meine. Ich glaube, sie will es dir auch zeigen." Ich habe meine Augen geschlossen, so kann ich mir besser auf Bilder konzentrieren, die ich ihnen zeigen will. Aber die Spannung merke ich trotzdem. Ganz vorsichtig, fast ängstlich legt das Menschenmädchen seine Hand auch auf meine Stirn. Ich ziehe sie beide mit fort, in meine Gedanken.


Wir stehen in einem Wald, dem, wo Menekses Höhle lag. Ich zeige ihnen, welchen Spaß wir hatten, uns in Laubhaufen zu werfen und Blätter tanzen zu lassen. Meine Menschen sehen Tikaani und mich durch den Wald pirschen und Hasen fangen, sind dabei wenn wir nachts als Rudel zusammen gekuschelt schlafen und einer Wache hält. Auch, das was mit Taiga passiert ist, will ich ihnen sagen. Damit sie verstehen, warum ich mich hierher verirrt habe. Und auch, dass ich zurück möchte weil ich mein Rudel brauche. Ob sie verstehen, wenn ich mich verabschiede? Als Taiga von dem Schuß zusammenzuckt, zucken auch die beiden Hände zurück. Ich versuche Bilder von der Zukunft zu malen. So ganz gelingt es mir nicht, statt Frühlingsblumen male ich grün-weiße Nebelschwaden in unsere Gedanken. Ratatak in meine Begleitung denken ist einfacher, vielleicht weil er für mich so selbstverständlich geworden ist wie ein Teil von mir - eben immer in meiner Nähe. Über meinen Ohren lasse ich eine große Krähe kreisen. Emi redet mit mir, aber ich höre sie als wäre sie weit weg. Immer mehr Bilder schicke ich los, bis ich merke, meine Pfoten geben nach. Verwirrt öffne ich meine Augen und schau die zwei an.


Nouka krabbelt mich hinter dem Ohr. "Das ist ein bisschen viel für eine Nacht, Lyka", sagt er leise. "Aber wir müssen los, verstehst du das?" Ja, ich glaube, die Worte kenne ich schon lange. Ich muss zugeben ich schäme mich auch etwas, denn ich hab wohl doch mehr Zeit gebraucht als ich dachte. Es nieselt immer noch und beide sind patschnass. Doch, ich sehe ein dass sie nach Hause müssen, Menschen werden doch so schnell krank. Verlegen tappe ich nach Ratatak, der sich noch mit einem Hüpfer zur Seite rettet. Als die beiden gehen, drehen sie sich nochmal um. "Wir kommen ja wieder, Lyka", sagen sie. Sicher. Aber wann wird das sein?


Ich trotte in meine Höhle und versuche zu ignorieren, dass Ratatak mir folgt. "Schwester Vierbein", sagt er und hockt sich vertrauensvoll zwischen meine Pfoten, "Ich bleib hier. Schlaf."

4.1.17 20:26

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