Bauchhüpfer sucht Zuhause


Die Tage waren so wie immer in der Adventszeit – stressig, hektisch und dunkel. Alle rannten herum und versuchten die letzten Geschenke aufzutreiben. Ein Mann schloss kopfschüttelnd das Fenster, um sich seinen Gedanken zu widmen. Er mochte den Winter nicht. Es war kalt und wurde zu schnell dunkel. Seine Lampe über dem Schreibtisch brachte zwar Licht um zu schreiben, aber nicht die Wärme, die er vermisste. Wenn er nur wüsste...! Wenn er doch nur wüsste, wie man wieder dieses Weihnachtsgefühl bekommt. Wie man überhaupt fröhlich sein konnte in so einer Nacht. Oder wenn er wenigstens Gedanken hätte, die sich zu einer netten Geschichte entwickeln konnten. Normalerweise ging es ihm etwas besser, wenn er ein paar Zeilen zu Papier gebracht hatte. Aber es wollte ihm nichts einfallen.


Vielleicht... sollte er über Weihnachten schreiben?

Die Wünsche der Menschen gingen immer mehr auseinander. Jedes Jahr das gleiche, dachte er sich und lächelte grimmig. Die einen wollen nur beschenkt werden. Die anderen Frieden für die Welt. Aber da müsst ihr schon selber dran arbeiten, dachte er. Wo ist das Weihnachtsgefühl hin? In seiner Grübelei griff er blind in seine Plätzchendose, die mit Lebkuchenmännchen gefüllt war, nahm sich einen Keks und ärgerte sich noch, dass der so weich war. Lebkuchen sollten knuspern und nicht weich sein. Das wusste er noch aus seiner Kindheit, als Weihnachten noch bedeutet hatte, die Krippe aufzubauen und im Kerzenschein des Baumes mit der Familie herum zu sitzen. Er wollte gerade abbeißen, als der „Keks“ in seiner Hand anfing sich zu winden.


„Bitte, lieber Weihnachtsmann, iss mich nicht!“ Völlig irritiert schaute der junge Mann auf den Inhalt seiner Hand: ein kleines Wesen versuchte sich aus seinem Griff zu befreien. Vorsichtig setzte er es ab und betrachtete es. Es war ein kleines, weiches Ding ohne eine feste Form und ganz blass. Welche Farbe es hatte vermochte er nicht zu sagen, denn es war zwar nicht durchsichtig, aber wirkte als hätte es einen Nebelschleier an. „Wa... was bist du denn für ein Ding? Und was machst du in meiner Keksdose? Und wie kommst du denn auf diese Schnappsidee, ich wäre der Weihnachtsmann?“ Das kleine Ding räusperte sich und sah sich um. „Bist du das nicht? Eigentlich wollte ich dahin... achja“ stieß es einen Seufzer aus und ließ sich auf den Schreibtisch sinken. „Und ich habe gedacht, ich schaffe es noch und darf mir etwas wünschen....“ Der Mann verstand kaum, was das Ding sagte. Wünschen? Weihnachtsmann? Hatte irgendetwas in der Luft gelegen, ein giftiges Gas vielleicht, von dem er nichts wusste? Er stand auf und ging in die Küche. Also der Gasherd war schon einmal aus. Er sah aus dem Fenster. Auch alles normal. Eine Tasse Kaffee würde vielleicht helfen. Also goss er sich etwas aus der Thermokanne ein, nahm sich noch ein Stück Würfelzucker und ließ es in den Becher plumpsen. Ein zweites Stück nahm er in der Hand mit in sein Zimmer.


„Magst du Zucker?“ Etwas unsicher legte er das Zuckerstück vor das Ding. Es sah auf – zumindest glaubte er das – und wurde etwas heller. „Dankeschön!“ Vorsichtig brach es von dem Stück ein bisschen ab und knabberte daran. „Ich mag süßes“, ergänzte es sich und etwas huschte über seine Form, dass ein Lächeln hätte sein können. „Schon gut“ sagte der Mann und grinste zurück. „Aber jetzt erklär mir mal, was du bist und was du hier machst. Du siehst aus wie eine kleine hüpfende Flamme, und so etwas gibt es nicht... soweit ich weiß“, fügte er schnell hinzu.


Das kleine Wesen räusperte sich und stand etwas wackelig auf. „Ich bin ein Bauchhüpfer, ich habe die Form, die du dir vorstellst“, sagte es so leise, dass er es kaum verstehen konnte. „Ich wollte zum Weihnachtsmann, weil ich gehört habe dass man sich am Nordpol etwas wünschen darf, wenn die Zeit ist.“ Es schaute sich suchend um und verformte sich zu einem Lebkuchenmännchen, während es seinen Blick auf dem Fensterbrett verweilen ließ. „Das hier ist nicht der Nordpol, oder? Ist es denn noch sehr weit?“ Es sah auf seine Ärmchen und guckte erschrocken zu dem Mann. „Du wirst mich aber nicht essen, nun wo ich auch noch aussehe wie ein Keks, oder? Warum hast du dir einen Keks vorgestellt?“


Der Mann lächelte. „Ich wollte es nur ausprobieren. Und nein, ich werde dich nicht essen, denn einen lebendigen Keks isst man doch nicht.“ „Aber bitte, stell dir trotzdem etwas anderes vor, so mag ich nicht aussehen. Am Ende vergisst du es doch“, bat der Bauchhüpfer. Der Mann schaute sich das Wesen an. Sehr, sehr genau. Aber ihm fiel nichts ein. „Wie möchtest du denn aussehen“, fragte er. Der Bauchhüfer überlegte. „Kannst du dir nicht etwas denken, was du als Kind toll gefunden hast? Worüber du dich immer gefreut hast?“ Der Mann zögerte. „Das ist schon so lange her... aber ja, da gab es einen Teddy. Den habe ich als Kind sehr gern gehabt.“ „Dann denk mich in den Teddy“, grinste der Bauchhüpfer. Der Mann strengte sich an, aber er brachte keinen richtigen Teddy zustande. Das Ding sah aus wie ein Fellknäuel. „So möchte ich auch nicht aussehen“, jammerte es, dann fängt mich noch die nächste Katze!“ „Dann denk dir doch selber etwas aus“ schimpfte der Mann. „Ich habe die Nase voll davon.“ Das kleine Wesen musterte ihn neugierig. „Ich darf mir selber etwas ausdenken? Wirklich? Und du machst das dann?“ Er nickte. Was blieb ihm anderes übrig?


Das kleine Ding überlegte nicht lange. Es verformte und veränderte sich, bis es sich zufrieden in der Keksdose spiegelte. „So“, seufzte es. „Mein letztes Haus war ein Kind, das sich nur über ein Kostüm gefreut hat. Darin habe ich eine ganze Weile gewohnt.“ In der Tat sah das kleine Ding jetzt wie ein kleines Kind aus, mit einem Bärenkostüm. „Dein Haus war ein Mensch?“ Der Mann betrachtete seinen Gast wie einen bösen Geist. Es lächelte verlegen. „Naja, nicht Haus, Zuhause eher. Ich habe dir doch gesagt, ich bin ein Bauchhüpfer. Wo soll ich sonst wohnen, im Wald vielleicht?“ Neugierig sah es den großen Menschen vor sich an. „Du weißt wohl nicht mehr, was ein Bauchhüpfer ist, wie? Das ist schade. Wann hast du denn das letzte Mal einen gespürt?“


„Ich wüsste nicht dass ich mal von einem Bauchhüpfer... besetzt... worden wäre“, bekam es zur Antwort. „Vielleicht weiß ich es auch nicht, wie sich das anfühlt und kann es dir deshalb nicht sagen“, fügte der Mann schnell hinzu. „Und warum suchst du nun den Weihnachtsmann?“ Der Bauchhüpfer schüttelte nachdenklich den Kopf. Er schien zu grübeln. „Es... ist ein bisschen wie Schmetterlinge im Bauch, verstehst du? Und ich suche den Weihnachtsmann weil ich mir etwas wünschen wollte. Das kannst du doch nicht schon wieder vergessen haben.“


Der Mensch nickte. „Du meinst so etwas wie Liebe? Verliebt sein? Was wünschst du dir denn?“ „Nein, Liebe ist etwas anderes, das immer in vielen Formen da ist. Aber Menschen verwechseln uns schon mal. Ich bin nur ein Hüpfer. Wir Bauchhüpfer sind nur ein ganz kleines Stück glücklichsein. Und... und... ich wollte mir wünschen, dass ich mal bleiben kann ohne dass Menschen erwarten dass wir immer bleiben. Wir sind nun mal Hüpfer. Ohne dass wir auftauchen und verschwinden, würdet ihr uns gar nicht wahrnehmen. Aber manche trauern uns dann nach. Ich wünsche mir, dass wir einfach sein dürfen, wie wir sind, und ihr euch darüber freut und wenn ein Hüpfer weg ist, dann wisst irgendwann ist wieder die Zeit für einen. Manchen reicht es schon aus, Schlitten oder Achterbahn zu fahren und ein Hüpfer kommt zu ihnen. Oder sie freuen sich einfach nur über etwas. So schwer ist das nicht. Und jetzt ist doch bald Weihnachten. Zeit für Hüpfer...“


„Und die Zeit in der wieder viele Menschen traurig sind und über das Jahr nachdenken“, sinnierte der Mann weiter. „Ja, ich glaube, ich verstehe was du meinst. Aber ich fürchte, ich muss dich enttäuschen...“ Er wollte dem Bauchhüpfer sagen, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt, aber irgendetwas hielt ihn davon ab. „Weißt du, der Nordpol, ist noch sehr weit weg. Ich weiß nicht, ob du das noch vor Weihnachten schaffst.“ Der Bauchhüpfer nickte traurig. „Das glaube ich auch nicht,. Wahrscheinlich lande ich dann wieder woanders.“ Plötzlich huschte ein verlegenes Lächeln über sein Gesicht. „Kann ich nicht einfach bei dir bleiben? Nur über die Weihnachtstage? Oder hast du etwas vor?“ Der Mann grinste. „Das wollte ich dir auch vorschlagen. Nein, ich habe nichts vor, meine Familie wohnt zu weit weg und der verdammte Schnee hat die Straßen verstopft. Hier kommt man einfach nicht weiter, deshalb habe ich abgesagt.“


„Hmmmm.“ Der Bauchhüpfer knibbelte noch etwas vom Zuckerstück ab. „Das ist schade, aber kann das sein dass du Weihnachten nicht magst? Auch ohne Schnee?“ „Ja“, grummelte der Mann. „Ich wollte eine Weihnachtsgeschichte schreiben, aber in dieser dunklen Zeit fällt mir einfach nichts ein. Man geht im dunkeln zur Arbeit und man kommt im dunkeln wieder. Es ist kalt. Alle rennen herum und wollen noch Geschenke finden um gutzumachen, dass sie das ganze Jahr keine Zeit füreinander hatten.“ Er starrte in entsetzte Augen. „Aber das ist doch gar nicht wahr“, rief das kleine Ding mit einer Energie, die er ihm nicht zugetraut hätte. „Ja, es ist stressig, aber es geht den meisten doch sicher darum anderen eine Freude zu machen und Weihnachten ist nun mal ein geeigneter Anlass. Das kannst du nicht wirklich glauben.... oder?“ Als es sah, wie ernst der Mensch wirkte, sah es ihn traurig an. „Du hast das Weihnachtsgefühl vergessen“, flüsterte es. „Du hast es tatsächlich vergessen.“


Wütend stand der Mann auf. „Ja, vielleicht habe ich es vergessen. Vielleicht siehst du auch nur viel zu viel in diese Zeit hinein. Vielleicht sind Bauchhüpfer so. Wenn ich Glücksmomente seid, merkt ihr die anderen Gefühle vielleicht nicht.“ Er ging in die Küche, um sich einen neuen Kaffee zu holen und merkte nicht wie der Bauchhüpfer in sich zusammen sank. War das wirklich alles so einfach? Er hatte sich doch nur wünschen wollen, dass die Menschen ihr Glück teilten. Davon entstanden schließlich die meisten Bauchhüpfer... Das kleine Wesen legte den Kopf in seine verschränkten Arme und schluchzte so laut, dass es nicht hörte, wie der Mann zurück kam.


„Jetzt sei doch nicht so....“ Der Mann stupste den Bauchhüpfer vorsichtig an. „Ich meinte ja nur, dass eben nicht alles einfach ist. Verstehst du? Deshalb wolltest du ja auch zum Weihnachtsmann....“ „Nicht deshalb, weil es kompliziert ist. Sondern weil es Menschen wie dich gibt. Warum könnt ihr uns nicht einfach zulassen“, jammerte es. „Bestimmt bin ich nur hier gelandet, weil du meine nächste Aufgabe bist. Aber wie soll ich bei dir hüpfern, wenn du nicht glaubst? Du glaubst nicht an Weihnachten. Du glaubst nicht an Glück. Ich weiß nicht mal, ob du an irgendwas glaubst. Und jetzt guck nicht so, als gäbe es mich nicht, ich stehe vor dir!“ Der kleine Bauchhüpfer sah trotzig nach oben. Tränchen rannen über sein Gesicht.


„Hmmm“, seufzte der Mann erstaunt und verwirrt. „Da habe ich wohl etwas angerichtet.“ Er sah zum Hüpfer, dann zum Fenster. Große, weiße Schneeflocken tanzten vorbei und wurden von den Laternen angestrahlt. „Wie meinst du das, deine Aufgabe?“ Der Hüpfer wischte sich mit dem Ärmel über das Gesicht. „Wir landen da, wo wir willkommen sind. Und wo wir gebraucht werden. Ich denke wohl, dass du dieses Gefühl brauchst, aber ich weiß nicht wie das gehen soll. Ich bin zwar hier gelandet, aber dein Herz ist verschlossen, das musst du schon selber öffnen für das Glück. Bestimmt ist das der Grund, warum ich in einer Keksdose gelandet bin und nicht in deinem Bauch.“ Der Mann wurde neugierig. Er musste über dieses kleine Ding schmunzeln, ob er wollte oder nicht. „Und wie soll ich das anstellen“, fragte er. „Bist du denn dann glücklich, wenn du in meinem Bauch bist?“ „Wenn ich dir dieses Hüpfergefühl machen kann, ja. Aber du kannst mich nicht einfach essen wie einen Keks. Du musst mich fühlen.“


Eine Weile schwiegen sie sich an. Beide sahen den Schneeflocken zu. Plötzlich sprang der Hüpfer auf und grinste. „Komm mit, ich weiß was wir machen!“ „Wohin denn? Draußen schneit es wie verrückt“ wollte der Mann einwenden, aber der Hüpfer ließ nicht locker. „Eben! Es schneit! Komm mit raus. Zieh dir deine Jacke an, los! Und Handschuhe. Und warme Stiefel, wenn du hast.“ Ob er wollte oder nicht, er musste mit, sonst würde der Hüpfer nicht aufhören über seinen Tisch zu wandern. Er wusste nicht warum, aber er wusste, dass es so war.. Also zog er sich seine Wintersachen an, setzte sich wie befohlen den Hüpfer auf die Schulter und sie gingen nach draußen.


Eine kalte, aber windstille Nacht umfing sie, als sie die schwere Tür hinter sich schlossen. Er wohnte nicht weit von der Stadtmitte, in die er sich aufmachen sollte. „Warum in die Stadt“, fragte er seinen winzigen Begleiter. „Die Geschäfte haben eh geschlossen, falls du willst, dass ich mir so etwas angucke...“ „Das ist egal“, meinte der Bauchhüpfer fröhlich. „Du hast versprochen zu tun was ich sage. Also los.“ An so etwas konnte der Mann sich nicht erinnern, aber er erwiderte nichts. Gemeinsam schlenderten sie durch die Straßen. Die Flocken umtanzten sie wie Federn, und über alles legte sich eine frische Decke Neuschnee. Die Lichter in den Fenstern waren leuchtend warm und strahlten in die Nacht hinaus. Hinter einigen Scheiben konnte man noch Schatten erkennen, die emsig hin und her huschten. Die Laternen malten große Lichtkreise auf den Boden. „Siehst du es“, fragt der Bauchhüpfer. „Siehst du, wie schön der Winter ist?“ Der Mann suchte mit den Augen nach etwas besonderem, aber er fand nichts. „Hmmm“, brummte er deshalb nur. Ihm war kalt. Einfach nur kalt. Doch dann geschah es.


Erst dachte er, er hätte sich verhört. Aber da war es. Ein schwaches „Miau“ drang an seine Ohren. Sofort lenkte der Bauchhüpfer ein und sie verfolgten das Geräusch. Sie fanden ein kleines, graues Fellknäuel, das an eine Katze erinnerte, wäre es nicht so mager. „Nimm sie mit nach Hause,“ bat der Bauchhüpfer. „Was soll ich damit,“ fragte der Mann. „Ich glaube nicht, dass sie die Nacht übersteht. Und sie ist dreckig. So ist der Winter, wir sollten sie hier lassen. Die hat eh nicht mehr lange, siehst du das nicht?“ Er hatte nichts übrig für Haustiere. Das wollte er sich nun wirklich nicht aufdrängen lassen, aber der Hüpfer gab nicht auf. „Nur diese eine Nacht“, bat er immer und immer wieder. „Du wirst schon sehen, bitte glaub mir. Morgen kannst du sie ja im Tierheim abgeben oder so.“ Schließlich schnappte der Mann sich die Katze, die sich müde und erschöpft einfach in ihr Schicksal ergab, und trabte damit nach hause.


Dort angekommen, setzte er das Kätzchen und den Hüpfer ab und hängte seinen Mantel an den Haken. „Und nun“, fragte er. Seine Laune verdunkelte sich zunehmends. „Hast du einen Karton? Und eine alte Decke? Und irgendwas zu fressen?“ Der Bauchhüpfer gab ihm einen Befehl nach dem anderen, bis die Katze versorgt war und zusammengerollt in ihrem Karton schlief. Der Mann erschöpft in seinen Sessel sank. „Also, so richtig glücklich bin ich nicht“, sagte er. „Nur damit du es weißt. Winterzauber zieht bei mir nicht.“ Der Hüpfer grinste. Abwarten, dachte er sich. Es gibt für alles einen Grund. Als seinem Gastgeber der Kopf auf die Brust sank und der fest eingeschlafen war, kletterte der Hüpfer zu der Katze und kuschelte sich an das Fell. Die Katze blinzelte nur müde, dann schlief sie weiter.


Am nächsten Morgen wachte der Mann mit einem Brummschädel auf. Da hatte er doch tatsächlich die ganze Nacht im Sessel verbracht! Unmöglich! Er rieb sich über die Augen. Kein Wunder, dass er so einen komischen Traum gehabt hatte. Doch dann fiel sein Blick auf den Karton. Ungläubig sah er hinein. Da lagen eine Katze und dieses kleine Wesen. Doch kein Traum. Aber irgendwie war das gut so. Er ließ die beiden schlafen und machte sich zu seinem täglichen Gang zum Bäcker. Der Schnee war die ganze Nacht gefallen und so sank er auf dem Weg immer wieder ein. Aber es machte ihm nichts aus. Es wurde langsam hell. Die Schneedecke glitzerte über der ganzen Stadt. Der Mann zog glücklich die Luft ein. So sauber! Einen Moment später schmunzelte er. So hatte er lange nicht gedacht, Und es war tatsächlich nicht so schwer, einen kleinen, schönen Gedanken zu haben. Er würde der Katze etwas anständiges zu fressen mitbringen, nicht so etwas wie die Leberwurst, die er noch im Kühlschrank gehabt hatte. Und er würde dem Hüpfer eine Freude machen. Ein Teilchen vom Bäcker vielleicht.


Als er dort ankam, traute er seinen Augen nicht: Eine Frau mit einem kleinen Mädchen hängte gerade einen Zettel an die Scheibe. „Vermisst“ stand darauf. Darunter das Bild einer kleinen, nicht ganz so mageren grauen Katze, wie er sie Zuhause sitzen hatte. Das war die Gelegenheit! „Entschuldigung“ räusperte er sich, als er die beiden endlich erreicht hatte. „Ist das Ihre Katze? Ich glaube, ich habe sie gestern gesehen.“ In den Augen des Mädchens meinte er ein leuchten zu sehen. „Wirklich? Wirklich diese Katze? Wir suchen sie schon eine Woche“, erklärte die Frau. „Ich denke schon. Sie schläft in einem Karton bei mir Zuhause, ich kann sie Ihnen bringen. Sie ist mir gestern abend über den Weg gelaufen...“ Er fühlte ein kleines Hüpfern in seinem Bauch, als er die beiden betrachtete, wie sich sich erleichtert ansahen. Das musste das Glücksgefühl sein, von dem der Hüpfer gesprochen hatte. Die Frau gab ihm die Adresse, wo er die Katze hinbringen konnte. Er versprach, es gleich zu tun, nachdem er vom Bäcker zurück war.


Als er seine Tür aufschloss, wusste er, der Hüpfer würde nicht mehr da sein. Das musste dieses kleine Gefühl im Bauch gewesen sein. Tatsächlich fand er nur die Katze, immer noch müde, aber sie miaute schon etwas lauter als am Abend. „Bald bist du wieder Zuhause“, sagte er freundlich zu ihr. Gestern hätte er sie noch im Schnee liegen gelassen, dachte er beschämt. Ein bisschen glücklichsein ohne besonderen Grund war wohl doch nicht so verkehrt und schwer.


Er trug den Karton durch sie Straßen. Heute war der Winter gar nicht mehr so kalt. Und auch nicht so dunkel. Als er bei den beiden ankam, wurde ihm nicht nur der Karton aus den Händen gerissen, wie er vermutet hatte. Sie luden ihn zum Essen ein. Wieder fühlte er ein hüpfen im Bauch. Es fühlte sich warm und lebendig an. Er grinste. „Nun hast du wohl dein Zuhause gefunden“, sagte er leise zu sich selbst. „Frohe Weihnachten. Und... Danke.“

18.12.16 22:23

Letzte Einträge: un, deux, tres, quattre, cinq et six, Beef Jerky Grundrezept, Pulled-Pork-Auflauf, Gedankenglas Juli 2017, September 2017

bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Kain (22.12.16 11:43)
Ich mag deine Geschichten echt gerne, sowohl diese, als auch beispielsweise die Gute-Nacht-Geschichte, die du letztens auf Facebook gepostet hattest.
Es sind die kleinen Dinge die zählen, die man nicht aus den Augen verlieren sollte und ich finde es schön, dass du darüber schreibst und sie somit ins Gedächtnis rufst.


(3.1.17 19:56)
dankeschön liebe Kain. Ich habe schon ewig nichts aktuelles mehr geschrieben, aber hoffe dass ich bald wieder dem Schreibwahn anheim falle und die Geschichten dann immer noch gefallen. Vieles habe ich geschrieben als ich noch sehr viel Zeit alleine zugebracht habe - ich hoffe, der Tatendrang kommt auch wieder wenn alles so bleibt wie es jetzt ist. Es ist mindestens genauso wichtig den Blick für die Kleinigkeiten und schönes nicht zu verlieren, wie es manchmal schwierig ist, wenn die Welt nur graue Wolken zu bieten hat. Das merke ich, wenn ich Geshcichten lese und schreibe

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