Lyka 12 – die Welt spielt verrückt


Es ist nochmal richtig, richtig warm geworden. Mir ist manchmal als müsste ich durch die Luft schwimmen, als einfach hindurchzulaufen. Obwohl ich nur mein Sommerfell habe, ist es unendlich heiß und ich liege meistens platt auf dem Boden und hechle, um mir ein bisschen Kühlung zu verschaffen.


Ratatak geht es auch nicht besser, er ist ein bisschen zänkischer als sonst uns schnell genervt. Oft treibt er sich bei den wenigen Menschen rum, die trotzdem grillen, und klaut statt den weggeworfenen Knochen auch mal ein Stück Fleisch. Bei der Hitze rennt ihm niemand nach. Hinterher jammert er dann dass er sich überfressen hat. Die Jugend ist bei den Krähen auch nicht anders, denke ich und stupse ihn mit der Schnauze an, wenn mir der Krähenjunge zu weit entrückt.


Er liegt aber auch merkwürdig da, dass ich mir manchmal Sorgen mache: seinen Bauch auf den Boden gedrückt, der Kopf liegt schief auf der Seite und die Zunge hängt raus. Am komischsten finde ich seine Flügel – die legt er sonst nämlich immer an. Jetzt liegen sie halb verdreht so weit von ihm gestreckt, wie es ihm möglich ist. Das sieht schon sehr bescheuert aus, meine ich zu ihm als er meine Blicke bemerkt. Aber es kühlt so schön, verrät er mir. Den Trick hat er sich von den Amseln abgeguckt und gleich ausprobiert. Na, wenns hilft...


Seine Schwester Sku, die bei uns ab und zu nach dem Rechten sieht (so nennt sie es – wir wissen, sie petzt nur an die große Schwarzfeder) schimpft. “Du verhältst dich gar nicht krähenmäßig”, wirft sie meinem Federkumpel vor. Und mir, dass ich ihn anstachle. Müde zwinkere ich sie an. “Siehst du vielleicht irgendwelche Federn oder Flügel an mir, die ich so verrenken kann, Federwisch? Wenn ich mich strecke, sieht das so aus.” Ich lasse mich auf die Seite kippen und strecke die Hinterläufe gerade weg, mit dem Vorderlauf tappe ich nach ihr.


Geschickt hüpft sie zur Seite. “Das nicht, aber ständig mit dir unterwegs sein ist nichts für Luftbewohner”, fährt sie fort. Wahrscheinlich will sie noch mehr sagen, aber ihr Bruder hat sich aufgerappelt und scheucht sie ein paar Schritte weit. “Und den Menschen Sachen klauen die blinken, das ist krähisch, oder was?” Jetzt ist sie es, die den Kopf einzieht und und beleidigt davon flattert. Verwirrt blicke ich erst dem Vogel hinterher, bis sein Schatten in den Bäumen verschwindet, und dann zu Ratatak. “Was ist denn mit euch los”, wundere ich mich. “Die hat doch schon immer geschimpft, lass sie doch.”


Mein kleiner Freund plustert sich noch etwas mehr auf. “Ja, aber die soll ihren eigenen Schnabel putzen”, schimpft er. “Ich jage Hähern und Hörnchen Futter ab und Menschen auch. Ich hüpfe auch in Pfützen und trinke daraus wenn ich Durst hab. Die macht sich nicht mal schmutzig. Und was sie klaut, kann man nicht fressen, das glitzert und blinkt nur. Hab letztens ihre Beute untersucht und mir fast den Fuß abgeschnitten.”


Zum Beweis dafür hält er mir sein Bein hin, damit ich es beäugen kann. Oder muss, so aufdringlich wie Ratatak ist. Alle Krallen dran an der Klaue – lediglich ein Kratzer. Der Krähenjunge macht immer gleich so ein Theater, als müsste er an sowas sterben. Auf der anderen Seite lässt er aber auch keinen Patzer aus und ist einfach nicht vorsichtig. “Wie eine Elster ist die” zetert er weiter. Ich seufze. “Es ist ja nicht so, dass ihr Krähen nur fressbares klaut”, weise ich ihn zurecht. “Die da drüben”, ich schaue auf einen nicht allzuweit entfernten Baum, “hat sie neulich erst so ein komisches Gerippe mit in ihr Nest geschleppt und eingebaut. Und die da hinten hat eine Tüte in den Baum gezerrt.”


Ratatak sieht sich um, um herauszufinden was ich meine. Er kennt die Nester seines Schwarms ja, aber näher schaut er sie sich nicht an – nicht dass noch irgendwelche Krähenweiber auf Ideen kommen, hat er mal gesagt. Und sich, obwohl er ja gar kein Interesse hat, etwas länger die Federn geputzt als es nötig gewesen wäre. “Das benutzen Menschen um ihre Felle aufzuhängen”, weiß er. “Ori kennt einen Ort, da werden ganz viele davon weggeschmissen nachdem sie einmal benutzt wurden. Halten die Nester gut zusammen, hat sie gesagt.” Aha.


Ein Flügelschlagen über mir reißt mich aus meinen Gedanken. Auch das noch, denke ich und rolle mit den Augen, wie ich das bei Nouka schon gesehen hab, wenn er gerade etwas nicht glauben kann. Die Kleine hat natürlich gepetzt, wie immer. “Ratatak, du kommst sofort mit zum Schwarm”, keift die Krähenmutter los. Und bevor sich eine unverschämte Freude bei der Petze einfinden kann, bekommt die ein “du auch!” ins Gefieder geschmiert. Hah, denke ich, das hat sie nun davon.


Warum die große so ungehalten ist, weiß ich nicht, schließlich spiele ich schon mit ihrem Nachwuchs, seit der flügge geworden ist. “Was ist denn los, Schwarzfeder”, will ich deshalb wissen. “Du weißt doch dass ihr Krähen mir viel zu mager seid.” Doch die funkelt mich nur böse an. “Ich habs satt, dass es dauernd Streit gibt, weil mein Kleiner sich mehr bei dir aufhält als im Schwarm. Und den Menschen ist er dann auch noch zu nahe, da passiert nochmal irgendwas. Also halt dich fern von uns, Fellknäuel”, zischt die alte. Mit einem schnatternden Krächzen treibt sie ihre Brut zusammen und sie verschwinden.


Ich sehe ihnen eine Weile nach, strecke mich noch einmal und rolle mich zu einem Schläfchen ein. Jetzt ist es wenigstens mal ruhig und keiner ziept an meinem Fell oder jagt meiner Rute hinterher. Ein bisschen komisch ist es aber schon – nur das tschilpen von Singvögeln und zirpende Grillen. Aber bevor ich mir die doch eher unmelodiöse Stimme von Ratatak ins Gedächtnis rufen kann, merke ich auch schon dass ich langsam aber sicher einnicke.


Keine Ahnung, wie lange ich geschlafen habe, ich werde von einem plötzlichen Niesen geweckt. Verschlafen blinzle ich, bin aber schnell hellwach und sehe mich erstaunt um. Was ist denn mit meiner Welt passiert? Überall in der Luft schweben lange, silberne Fäden. So einer ist auch auf meiner Nase gelandet und hat meinem Nickerchen ein Ende gemacht. Tschi! Es krabbelt immer noch und als ich auf meine Schnauze schiele, sehe ich auch warum: eine winzige Spinne hat mich als Landeplatz benutzt.


Unzufrieden schnaube ich und das kleine Ding schwirrt weiter. Ich sehe ihm träge hinterher. Was ist denn bloß los? Da kein Ende abzusehen ist, verkrieche ich mich lieber in meiner Höhle. Sowas komisches kenne ich nicht, höchstens von den Sommervögeln, und die plappern viel wenn der Tag lang ist. Denen kann man nicht alles glauben. Ich rolle mich zusammen und bin entschlossen, das Chaos einfach zu verschlafen.


Schon bevor ich am nächsten Tag vollständig wach werde, merke ich, dass etwas nicht stimmt. Meine Ohren zucken, auf der Suche nach dem üblichen Krach der gefiederten Frühaufsteher, aber der Lärm bleibt irgendwie aus. Gerade als ich mich frage, ob Ratatak sich etwas neues ausgedacht hat und mich mit den Flügeln streift und warum ich sein Hüpfen nicht gehört habe, fällt mir das von gestern wieder ein.


Mein kleiner Freund ist heute gar nicht da, vielleicht hat die alte Schwarzfeder es ja tatsächlich ernst gemeint und hält jetzt Wache, dass er beim Schwarm bleibt... ich atme tief ein und seufze. Ratatak wird sicher schimpfen und zetern, dass er dort bleiben muss, aber ich würde so viel dafür geben nicht von meinem Rudel getrennt zu sein. Ein bisschen traurig bin ich, dass nicht mal die Krähen da sind. Ich schüttele mich, als würden die trüben Gedanken damit von mir abfallen.


Ich trotte aus meiner Höhle und blicke mich verwundert um. Einzelne Fäden fliegen immer noch vereinzelt herum, aber die meisten haben sich inzwischen in Gräsern und Blumen verfangen. Wie silberne Pfützen schimmern sie über dem Boden und in den niedrigen Sträuchern. Wenn ich mich an die Erde drücke, sieht es fast aus, als hat wäre der Natur ein Fell gewachsen. Ich glaube, die dämpfen auch die Geräusche, denn wenn ich mich auf den Boden ducke, höre ich viel schlechter als über den komischen Fäden. Vorsichtig schnuppere ich an den Silberhaaren und niese ein großes Loch in den hellen Fleck auf der Wiese.


Von weitem kommt mein Federwisch angeflattert, er hat das Schauspiel den ganzen Tag beobachtet, erzählt er mir. Die alte hat zwar immer noch ihre Regel, dass sie in der Gruppe bleiben sollen, aber da diese Fäden machen auch die alten im Schwarm neugierig. Bei dem ganzen Theater ist nicht aufgefallen, dass er sich wieder zu mir hingeschlichen hat. Argwöhnisch beäugt er die Fäden und die Spinnchen die darauf herum krabbeln, dann hackt er darauf ein. Gleich darauf spukt er Fadenknäuel aus. “Schmeckt nicht wie das Zuckerzeug von den Menschen”, stellt er angewidert fest. Zuckerzeug?


“Was ist das”, frage ich den kleinen Schlaumeier. “Süßes Zeug an Stöckchen”, fängt der sofort zu erzählen. “Die Menschen essen das an ganz bestimmten Orten”, verrät er mir geheimnisvoll. “da gibt es komische Dinger, auf die sie sich setzen und rumgeruckelt werden, sie trinken viel und werden albern, und die Kinder und manche Weibchen futtern eben dieses Zeug. Zuckerwatte heißt das.” Aufgeblähter Wichtigtuer! Ich schnaube einmal und puste ihm damit das Spinnengewebe über das Gefieder. Das sieht komisch aus, denke ich belustigt, während Ratatak sich energisch schüttelt.


“Bist du verrückt geworden”, schimpft er wieder einmal, aber rumpst mich so derbe an, dass ich meinen Teil an Fäden abbekomme. Jetzt lacht er aus vollem Halse sein “kra-ah-ah”, aber ich bin zufrieden, wenn der Preis dafür so klein ist. Endlich blitzt wieder der Schelm durch seine Augen und er sammelt eifrig Webnester ein, um mich zu bombardieren. Die bleiben hartnäckig an seinen Füßen kleben und er muss den Kram schon wirklich in mein Fell abstreifen. Es dauert nur eine kurze Zeit, und wir haben die schönste Hetzjagd.


Von weitem höre ich schon die Petze schimpfen, die natürlich nicht lange gebraucht hat um das Verschwinden ihres Bruders zu entdecken. Empört flattert sie mir genau in den Weg, sodass ich trotz dass ich sofort die Pfoten in die Erde stemme, sie noch fast über den Haufen renne. “Was soll das, Federwisch”, frage ich verwirrt. “Ein 'stopp' hätte ja auch gereicht. Willst du dass ich dir die Flügel breche?” Verdrossen hüpft sie um mich herum. “Du bringst Ratatak nur Flausen bei! Ich werde das weitergeben, verlass dich drauf. Und du kommst wieder mit zurück.” Eilig zupft sie am Flügel des anderen.


Ich schnaube missmutig, und ein großer Fetzen Spinnenweben hüllt die Petze ein. Eher hektisch als beleidigt macht die sich ans putzen. Ihrem Bruder gefällt das und er bewirft nun sie statt mich damit. Fast habe ich Mitleid mit ihr, aber der Spieltrieb ist doch zu groß, also gebe ich meinen Teil dazu und behänge sie mit ein paar Gräsern. Erschrocken mache ich einen Satz rückwärts. Ich wusste gar nicht, dass Krähen so laut sein können. Krach machen sie ja immer. Auch Ratatak hält inne. “Sku, sei leiser! Wir machen doch nur Spaß. Willst du etwa wieder im Schwarm bleiben müssen?”


Bis sich die Krähe zusammengerissen hat, ist es leider zu spät. Die große hat uns schon ausfindig gemacht. “Du schon wieder” schimpft sie mit mir und zu den anderen zischt sie etwas, das ein bisschen wie “wie seht ihr denn aus??” klingt. Das knarren und krächzen verstehe ich deutlicher, deshalb bin ich mir nicht ganz sicher. “Wie sollen sie aussehen, wie deine Kinder“, versuche ich mich ins Gespräch zu drängeln und den beiden ein bisschen zu helfen. “Gut, sie sind ein bisschen schmutzig, aber es sind immer noch Krähen. Wo ist der Unterschied, ob eure Federn schwarz sind oder die Erde, die dran klebt...?”


21.11.16 12:59

Letzte Einträge: un, deux, tres, quattre, cinq et six, Beef Jerky Grundrezept, Pulled-Pork-Auflauf, Gedankenglas Juli 2017, September 2017

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