Lyka 11 - Lyka träumt

Lyka träumt

Ratatak, der Krähennachwuchs, hat sich mit uns auf die Reise gemacht. Wir sind schon ein paar Tage weg, in einem anderen Wald. Mein Mensch hat uns dort hingebracht, in der großen Nussschale. Natürlich nicht die Krähe, die ist uns einfach gefolgt, aber es ist ganz gut so, dann lasse ich Nouka auch mal seine Ruhe. Ich finde es toll – morgens krabbelt mein Mensch aus seiner Höhle, die er Zelt nennt, und wir haben den Tag für uns. Ganz ohne Zweibeiner, Hunde, dafür mit ganz viel Urwald. Ich kann jagen gehen, und Nouka hat Proviant mitgebracht. Da darf ich nicht dran, alles gut im Rucksack versteckt.


Nouka schnitzt und liest und hört Musik, und ich gehe mit der Krähe auf die Pirsch. Einmal um zu erkunden, wie das Revier aussieht, wer hier lebt und was für Beute es gibt. Nur für den Fall, wir können öfter hier Ferien machen. Der Rehbock, den ich erlegt habe, reicht noch eine Weile. Ich habe den Rest am Seeufer eingegraben. Der kühle Matsch hält die Beute frisch, bis Ratatak und ich wieder Hunger haben.


Die Schwarzfeder kommt immer mit und freut sich, etwas ab zu bekommen. „Vielleicht wären viele Wölfe im Park gar nicht schlecht“, grübelt er. „So viel Beute, da bliebe für unsereins immer was übrig, nicht?“ „Wenn es große Beute gäbe“, füge ich hinzu und wische mir mit der Pfote über die Ohren. Meistens stöbere ich kleine Nager oder Enten auf, wenn die unvorsichtig sind. „Da bleibt nicht viel übrig, dass man eingraben kann.“ Ratatak nickt. „Einen großen, viel größeren Wald brauchen wir.“ Zufrieden, dass er das einsieht und keine weiteren Überlegungen anstellt und missgelaunt, weil ich mir das manchmal auch so wünschen würde, trotte ich zurück zu unserem Lager.


Mein Mensch liest, sieht auf als er mich wahrnimmt, grinst sein Menschengrinsen indem er Zähne zeigt. Wendet sich wieder dem Buch zu. Irgendwann, als ich ihn genug mit meinen Blicken durchbohrt habe (vielleicht auch, weil ich mit der Nase gegen die andere Seite dieses Dings gestupst habe – er sagte, das stört beim lesen), rappelt er sich auf. Er legt das Buch in die Höhle, zieht an einem kleinen Zweig, der da dran ist, und verschließt damit die Wand seines Menschenzuhauses. „Na komm Lyka, spazierengehen“, sagt er und kommt endlich mit. Ich lasse ihn vorgehen, tappe hinterher. Nicht, dass er es sich wieder anders überlegt.


Mit meinem Menschen unterwegs zu sein ist ganz anders als mit dem Rudel, auch hier, wo er nicht auf Rollen neben mir her fliegt. Nouka und ich suchen uns Pfade, die durch den Wald verlaufen und einfach für Zweibeiner sind. Ich klettere auch manchmal durchs Unterholz, wenn da allzu interessante Gerüche locken. Herum stromern muss schon sein, aber ich komme immer wieder zurück um sicher zu gehen, Nouka verläuft sich nicht. Außerdem redet er mit mir, wenn ich in der Nähe bin, und beobachtet den Wald, wenn ich die Nase schon wieder in ein Gebüsch, Mäuseloch oder in die Mooskissen zwischen den Baumwurzeln stecke. Die Wesen, die hier herum wuseln, sind nicht wirklich anders als zu hause im Park, aber alles riecht anders.

Im Park wird alles überdeckt: Menschen, Hunde. Die Wolken, mit denen Zweibeiner sich umgeben, aus komischen Gerüchen. Nach ihren ganzen Sachen, die sie mit sich herumschleppen.

Hier duftet es nur nach Bäumen, Mäusen, frischem Wasser, Erde, Laub, Rotpelzchen. Nouka ist der einzige Mensch hier, und mir gefällt das so.


Ratatak lenkt mich ab, er streitet mit Hähern oben in den Baumkronen. Lautstark und streitlustig, wie er ist, hat er ihnen einen besonders großen Zapfen geklaut und fliegt damit davon. Einfach nur, weil er es kann, ich habe noch nie gesehen, dass er einen angefressen oder die Samen heraus gepickt hat. Die ganze Meute fliegt schimpfend hinterher. Nouka hat unser Rumzerrding mitgebracht, schmeißt es für mich und ich versuche es noch in der Luft zu fangen. Presche in den Wald damit, mein Mensch hinterher, in mir kommt das alte Jagdgefühl auf, mit dem unsere Leitwölfe immer die Jagd angestimmt haben. Nur spielen wir, natürlich gibt es kein riesiges Wurfseil, das im Wald herum läuft, dass wir als nächstes jagen. Für Zweibeiner ist die Verfolgung gar nicht einfach, wenn wir erstmal im Dickicht verschwunden sind. Ich ziehe einen großen Kreis um Nouka, schleiche mich in seinem Rücken wieder an.


Ein Zweig knackt unter meinen Pfoten, ich-stehe-ganz-steif-versuche-zwischen-den-Ästen-wie-ein-Astgewirr-auszusehen. Mein Mensch dreht sich kurz in meine Richtung um, wendet sich aber wieder dem Wald vor sich zu. Fragt leise meinen Namen in die Waldluft. Ich schleiche mich an, renne auf ihn zu, springe los. Bevor er die Arme hoch reißen kann hab ich ihn umgeschmissen, wir kugeln über den Waldboden, jeder ein Stück von dem Rumzerrding, dass er nicht wieder hergibt, ich aber auch nicht. Knurren. Ich gucke Nouka mit großen Augen an. War er das oder war ich das? In dem Moment bin ich so irritiert, dass ich von alleine aufgebe und ein bisschen zurückweiche und ihn anstarre. Nein, ich bin mir sicher, DAS war ich nicht. Wenn ich sein Zähnezeigen richtig deute, hat er auch damit gerechnet mich zu verwirren. Sitzt der da und grinst mich einfach an. Ich überlege noch, ob ich das Spiel mitspiele oder beleidigt tun soll, da wird das Zähnezeigen weniger. „Na komm schon, Lyka“, sagt er. „Nicht schmollen, du hast angefangen.“ Hmmm. Hab ich wohl. Mit leisem grummeln trotte ich hin und stupse ihn in die Flanke, so, dass er fast das Gleichgewicht verliert, aber halten kann.


Plötzlich tappt Nouka nach meinem Fell und zieht mich ein Stück zu sich. „Ganz leise sein, schau mal“, sagt er und nickt mit dem Kopf zu ein paar Eichen. Das Laub hat sich in den Bäumen schon sehr gelichtet, aber auch das rascheln ist meinen Ohren nicht entgangen, ich habe nur nicht darauf geachtet. Wozu auch, denke ich mir, was in den Bäumen ist, kann ich nicht fangen. Aber nun sitzen wir hier, sind ganz still und warten. Ein Rotpelzchen klettert schnell wie der Wind an dem Stamm empor, immer um den Baum herum, mit einem Bündel Vorräte in der Schnauze. Es hält inne um zu wittern, entdeckt und beäugt uns argwöhnisch, dann ist es in einem Astloch verschwunden. Taucht ohne Beute wieder auf, flitzt den Stamm hinab, überlegt es sich anders und rennt wieder einen Ast hinauf, um von dort in den nächsten Baum zu springen. Vielleicht hat es uns reglosen Gestalten doch nicht soweit über den Weg getraut. Das ganze wiederholt sich noch ein paar Mal, offenbar legt es da oben eines seiner Winterverstecke an, wir lassen die Zeit verstreichen uns schauen zu.


Meine Läufe strecke ich immer weiter, bis sie über Noukas Füßen liegen, lege meinen Kopf auf die Pfoten und denke einen Moment mal an gar nichts. Mein Mensch streichelt mir über die Ohren, die Sonne schickt uns ein paar Herbststrahlen, nicht mehr ganz warm aber nicht eisig, und zaubert goldene Punkte in das Laub unter, neben und über uns. Ich schließe die Augen, höre noch dass Nouka leise lacht, und dämmer ein bisschen ein. Meine Welt versinkt in gelb und braun und orange und ich laufe mit meinem Rudel über anderes Laub, andere Schwarzfedern fliegen mit uns durch den Wald. Im Moment ist meine Welt versunken in tiefem Frieden.


Nouka stupst mich irgendwann an, es ist schon fast dunkel geworden. Müde rappel ich mich auf, damit er aufstehen kann, und wir gehen zu unserem Lager zurück. Ratatak erwartet uns schon mit viel gekrächz. „Wo wart ihr denn“, will er wissen. „Sich einfach ohne mich davon machen, hat dir deine Mutter keine Manieren beigebracht, Schwester Vierbein?“ Ich schnaube leise in seine Richtung. „Menekse hat uns beigebracht dass man nicht zuviel mit Schwarzfedern redet. Die sind nämlich alle verrückt.“ Ich glaube, Ratatak kann sehen, dass ich ihn anflunkere. Wir Wölfe haben uns nie große Gedanken um die Krähen und Raben gemacht, sie waren eben immer da und werden immer da sein. Es ist einfach so. Der Kleine hüpft um mich herum und fliegt dann auf, um Nouka zu umkreisen. Nouka lacht ihn dafür an. Ein bisschen sieht es so aus, als würden sie sich verstehen, aber ich glaube, so wie unsere Freundschaft ist die der beiden nicht. Meine Schwarzfeder landet auf einem Ast und stolziert eine Weile hin und her. „Weißt du, für einen Menschen ist er gar nicht schlecht. Er fängt uns nicht. Oder er ist zu langsam. Er könnte ruhig mal etwas aus dem Ding da abgeben“, Ratatak schielt zum Rucksack, verfessenes Ding. „Reicht dir unser Rehbock nicht? Eigentlich müsstest du platzen“, erinnere ich ihn daran, dass er sich erst gestern überfressen und dann gejammert hat. Er guckt erstmal beleidigt, gut so. Wenn ich nicht an den Rucksack darf, dann er ja wohl auch nicht.


Nouka hat sich vor seine Höhle gesetzt und liest wieder, vom See kommen platschende und schnatternde Geräuschfetzen herüber, ein verspäteter Entenschwarm auf den Weg ins Sommerland. Die, die wegfliegen, sagen, dort ist es immer schön warm und es gibt keinen Schnee. Die, die hierbleiben, sagen es ist eine gefährliche Reise, nicht alle kommen zurück. Aber ist das nicht immer so? Ich muss an Taiga denken.


Ein lauter Ton schreckt mich aus meinen Gedanken und auch mein Mensch hat ganz schnell den Kopf gehoben. Angestrengt lauschen wir in die folgende Stille, aber es ist weit weg, ich kann einfach nichts ausmachen, was da los ist. Nouka murmelt etwas von einem Horn vor sich hin, er sieht aus, als fragt er sich selbst was das gerade war. Aus der Ferne höre ich etwas wie Gebell. Und eine jaulen, vielleicht, ich bin nicht sicher. Ein Wolf ist es nicht. Jagd? Sind wir so weit von der Stadt entfernt? Mein Mensch und ich sehen uns fragend an. Wahrscheinlich denken wir das gleiche. Die Dämmerung ist schon da, heute ist der weg zu weit um nach hause zu kommen. Nouka pfeift leise. „Komm her, Lyka. Morgen früh brechen wir auf, sobald es hell wird.“ Schade. Ich hätte gerne noch mehr Ferien gemacht, seufze. Nouka grinst. „Ich muss nach dem Wochenende eh wieder in der Stadt sein. Wir kommen bestimmt nochmal her, aber vorher sehe ich mir dann die Pläne an, wann Saison ist. Vielleicht üben da auch welche oder es ist ein Schützenfest irgendwo.“ Ich habe keinen Schimmer, was er meint, aber seine Worte beruhigen mich, wie sie das so oft tun.


Über uns flimmern schon erste Sterne. Nouka macht ein Feuer an, schön weit weg von den Bäumen und mit Steinen drumherum, ich bin stolz auf ihn, dass er mitdenkt. Ich rolle mich in der Nähe des Lagerfeueres zusammen – Menekse würde mit mir schimpfen, aber sie hätte es sicher auch nicht gut geheißen sich mit Menschen abzugeben. Die Zweibeiner, die sie kennt, haben ausnahmslos die fauchenden, bellenden Stöcke dabei, die Taiga zu Fall gebracht haben. Einen Moment wimmere ich, aber als ich merke, dass wieder eine Hand an meinen Ohren spielt, schlafe ich ein. Morgen früh sind wir hier weg. Nouka hats versprochen. Ein bisschen werde ich den Wald vermissen, aber diese Geräusche von vorhin lassen mich schlecht schlafen.


Ich träume. Diesmal weiß ich es, denn das Laub unter meinen Pfoten spüre ich kaum. Außerdem ist mein Rudel da und ich weiß noch, ich bin mit Nouka unterwegs. Auch wenn ich schlafe, ist meine Nase wach, mein Mensch und Ratatak ziehen ihre Fährten durch meinen Traum.


Ich renne mit Tikaani und Taiga zum Sammelplatz. Heute geht es zur Jagd. Heute dürfen die Kleinen das erste Mal mitmachen, denn so klein sind sie gar nicht mehr. Amar, unser Leitwolf, begrüßt jeden von uns mit einem leichten Biss in die Schnauze. Wir reiben unsere Köpfe an seinem Fell. Menekse hat einen Keulenknochen von einem Hirsch zwischen den Lefzen, der Geruch unserer Beute haftet noch immer daran. Heute jagen wir also Hirsch. Sie knurrt, springt damit herum und schüttelt wild den Kopf, als Taiga frech nach vorn springt und ihr den Schatz abnehmen will. Dafür bekommt sie eins mit dem Knochen auf den Schädel. Ich muss grinsen. Sicher dröhnen ihr die Ohren genauso wie damals mir – aber wir Wölfe sind eben Dickköpfe. Und es ist eine wichtige Lektion, die unsere Mutter vor jeder Jagd anbringt. Sie prescht los, wir hinterher. Immer wieder werden einige abgehängt und andere schließen auf, zum Schluß ist es Netis, der sie stellen kann. Helaku, Taigas Bruder, schnappt zu und verbeißt sich am Knochen, lässt nicht locker bis Menekse aufgibt.


„Sehr gut, meine Welpen“, lobt sie. „Aber ihr müsst mehr aufpassen. Ihr müsst eins mit dem Rudel sein.“ Sie geht zu Taiga und leckt ihr über die Stirn, wo sie sie mit dem Knochen getroffen hat. „Beute wehrt sich“, erklärt sie. „Nur weil ein Hirsch ein Rudel Wölfe sieht, legt er sich nicht hin und wartet, dass wir ihn fressen. Er wird um sich treten, bis er müde ist. Merkt euch das, weicht ihm aus. Und wenn er angreift – lauft. Nicht ist gefährlicher als Beute, die durchdreht.“ Sie versieht alle mit einem warnendem Blick, setzt sich und hebt die Schnauze gen Himmel. Ihr hoher, langer Ton stimmt die Jagd an. Amar heult mit und nach und nach stimmen alle ein. Das ist unser Lied. Wir singen vom jagen, vom rennen, vom Wind. Unser Lied erzählt von den schnellen Hirschen und Rehen, vom Geruch der Beute, vom sattsein und vom goldenen Herbst.


Mitten hinein fällt ein Knall, alle stieben auseinander. Ich sehe um mich, aber ich wittere weder, wo die Jäger sind, noch wo die anderen hingerannt sind, ich bin allein. Völlig verwirrt laufe ich los, die Bäume sind mir auf einmal unbekannt und ich heule, doch mein Orientierungsruf wird nicht beantwortet. Sie wären ja auch schön blöd, gleich den Jägern zu sagen, wo sie sind...


Ganz plötzlich spüre ich einen Druck auf mir, als würde mich etwas wegschieben wollen. Ich knurre, will um mich treten, aber meine Pfoten treten ins Leere. „Wach auf, Lyka.“ Als ich zu mir komme, rüttelt Nouka an mir herum. „Du jammerst“, sagt er. „Ich weiß nicht was das vorhin war, aber du solltest sie nicht aufmerksam machen...“ Ich sehe zu ihm auf, er scheint sich Sorgen zu machen. Ich bin wieder ich, möchte ich sagen, und reibe meinen Kopf an seiner Hand. Er tätschelt mir über den Nacken und krabbelt wieder in seine Höhle. Ich rolle mich wieder zu einer Wimmerkugel zusammen. Mein Mensch hat das Loch in der Höhlenwand noch nicht zu gemacht. „Na komm, Lyka“, sagt er. „Vielleicht solltest du heute hier schlafen.“ Ich strecke mich etwas und lege den Kopf schief. Meint er das ernst? Ich? In diesem Ding da? Als würde er wissen, was ich meine, grinst er. „Besser, als draußen mit dem Horn und dem geknalle. Na komm.“ Er klopft nochmal auf den Höhlenboden. Das kenne ich, mit der Decke macht er das auch so, wenn er Schmusezeit hat.


Vorsichtig tappe ich zu dem Zelt und schnüffele wahrscheinlich schon zu lange am Eingang herum. Klar, da drin ist nur Nouka und der Rucksack und das Ding mit Rädern, dass die Nussschale über Land ziehen kann... aber es sieht so dunkel dadrin aus. Mein Mensch zieht an meiner Pfote. „Entweder rein oder raus“, sagt er. „Aber hier drin wird es kalt wenn du so lange brauchst.“ Meinem Menschen ist kalt? Vorsichtig, um nichts kaputt zu machen, rolle ich mich neben ihm zusammen. Mein Fell reicht für uns beide, denke ich. Ich merke, wie er etwas in meinem Fell befestigt. „Morgen will ich das wieder haben“, grinst er. „Schlaf gut, Kleine.“ Einen ausgewachsenen Wolf klein zu nennen, kann sicher nur ihm einfallen. Mir fallen die Augen zu. Darüber mache ich mir heute keine Gedanken mehr. Einer von Noukas Armen liegt über mir und hält sich mehr oder weniger an meinem Ohr fest. Gut so, denke ich und stupse sachte gegen den Stoff, aus dem nur ein Noukas Kopf und der Arm rausgucken . Du passt auf mich auf und ich bin hier, dann ist dir wärmer. Dann bin ich wieder im Traumland.


Am nächsten Morgen sehe ich verwirrt um mich. Alles leuchtet in der Farbe der Höhlenwand. Die Sonne muss schon aufgegangen sein, von draußen höre ich das rufen meines schwarzgefiederten Freundes. „Schwester Vierbein, bist du ohne mich fressen gegangen? Frech bist du“, schnarrt er. Eigentlich klingt er weniger verärgert als aufgeregt. Können Vögel riechen? Ich habe keine Ahnung und sehe zu Nouka. Er schläft noch. Leise winsle ich und stupse gegen die Zeltwand. „Hier bin ich, Ratatak. In der Höhle.“ Meine Ohren drehen sich nach vorn, ich höre ihn heran hüpfen. „Hat der Mensch dich doch gefangen“, fragt er. „Doch kein guter, dein Nouka?“ Er pickt gegen die dünne Haut von Noukas Behausung. „Lass das“ ermahne ich ihn. „Nouka braucht das Ding, er hat doch kein Fell oder Federn. Ich bin nicht gefangen, ich hab geschlafen. Nouka hat aufgepasst.“ Wegen dem Horn?“ Scharren im Laub auf der anderen Seite. Dann lacht Ratatak sein „Krah-ah-ah“. „Ich habs gesehen, ja. Waren Reiter. Haben Hunde gehabt. Sind nur gelaufen und gerannt, wenn du wissen willst.“ Ich habe keine Ahnung, was ein Reiter ist, aber dass es offenbar nur um Spaß ging beruhigt mich doch. Trotzdem will ich hier raus.


Der kleine Zweig guckt auch inneren von der verschließbaren Wand, ist aber zu klein. Bestimmt beiß ich den sonst durch. „Schwarzfeder, kannst du den Zweig draußen ziehen? Ohne was kaputt zu machen?“ Der Kräherich beguckt sich das zelt von allen Seiten, flattert auf, zerrt einmal dran. „Aufmachen, ja. Ohne kaputtmachen, nein“, schnarrt er traurig. Nichts zum sitzen in der Nähe. Hmm. Dann muss es anders gehen. Ich gucke zu Nouka. Mein Mensch schläft immer noch friedlich. Stupse, kriege eine Hand auf die Nase getappt, aber wach ist anders. Na gut, denke ich. Wenigstens hab ich geschlafen, was immer du da festgemacht hast. Ich kuschel mich an, mach die Augen zu und nach einer Weile hat mich mein Rudelgefühl wieder. Gedankenverloren putze ich an dem Stoff herum.


Nouka schreckt hoch und zieht den Stoff soweit zu, dass gar nichts mehr von ihm rausguckt. „Das hast du nicht wirklich vor, oder?!“ Völlig entgeistert über sein Entsetzen stolpere ich rückwärts gegen die Zeltwand. Zur Sicherheit noch ein quielen hinterher. Mein Mensch schält sich aus dem Stoff, guckt immer noch angewidert, macht mir aber das Loch nach draußen auf, nachdem er das kleine Ding aus meinem Fell geholt hat. „Schon gut. Hoffentlich hast du mit dem Amulett wenigstens gut geschlafen. Husch, raus.“ Ich schleiche mich vorbei und bin endlich wieder in meiner gewohnten Umgebung. Ratatak flattert um mich herum. „Da bist du ja wieder! Endlich, ich habe Hunger.“ Fresssack. Ich gehe zum Ufer, um den Rest auszugraben, die Krähe hüpft mir fröhlich hinterher. Nouka packt unsere Sachen zusammen und ruft uns dann. „Na komm, Lyka, nach Hause.“ Wenigstens nimmt er mich wieder mit. Ratatak verdreht den Kopf. „Hast du was angestellt“, fragt er. „Keine Ahnung. Heute früh war er ganz komisch. Vielleicht ist es nicht gut wenn ich bei meinem Rudel schlafe“ erwidere ich ein bisschen traurig. Nouka lacht, dass ich den Vogel anquiele, aber er versteht eben auch unsere Sprache nicht.


Wir fahren über den gleichen Weg zurück, den wir gekommen sind. Noukas Rucksack trage ich, dieses Mal versteht er das gleich richtig und gibt ihn mir. „Ist ja auch nichts mehr drin“, sagt er grinsend, was mich interessieren könnte. Stimmt wohl. Am Park lässt Nouka mich raus und ich springe ans Ufer. „Ich bringe das Kanu weg“, meint er, „aber ich komm nochmal vorbei heute. Bis später, Fellknäuel.“ Bis später, das kenn ich. Das heißt, mein Mensch kommt zurück. So schlimm kanns nicht gewesen sein.


Als Nouka später auftaucht, ist alles wieder okay. Wir hocken auf der Decke und gucken uns das bunte Laub an. Er wuschelt mir über den Kopf. „Wenn du irgendwann vielleicht mal wieder in einem Zelt schläfst, Fellbündel, dann putz die Menschen dadrin nicht, ja? Auch nicht den Schlafsack. Das mögen Wölfe. Menschen nicht.“ Aaah. Das wars also. Nagut, denke ich und lege meinen Kopf auf die Decke. Dann eben nicht. Rudel bist du ja sowieso, da wirst du gar nicht gefragt.



18.9.16 23:44

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