Lyka 10 – einfach mal weg


Die Tage sind komisch geworden, nicht so wie der Sommer in meinem Wald damals. Meistens ist die Luft warm und feucht, sodass es mir und Ratatak Fell und Federn fast verklebt, die schattigen Plätze sind da auch keine große Hilfe. Nadelwald, das wäre jetzt schön, die hohen Bäume, die zwar Sonne durchlassen auf den Waldboden, aber doch ein bisschen Dunkelheit lassen. Es war einfach kühler zwischen den Tannen und Kiefern.


Die meiste Zeit verbringe ich damit, eine Höhle in meinem Brombeergestrüpp zu graben, der Krähe gefällt das gar nicht, wie ihr die Erdklumpen um den Schnabel fliegen. Alle Achtung, dass Menekse ihren Bau so groß gemacht hat, denke ich, während ich ein paar Wurzeln zerbeiße und mit den Hinterläufen nach draußen befördere. Aber der Welpenbau musste ja auch groß und unsichtbar sein und durfte keine Geräusche nach draußen lassen.


Meine Höhle ist nur so, damit ich eine Beschäftigung habe und vielleicht einen kühlen Platz finde, wenn das Wetter noch schlimmer wird. Aufgeregt schlägt Ratatak mit den Flügeln und hüpft am Eingang herum. „Was machst du da, Lyka“, schnarrt er. „Wozu unter die Erde?“ Ich klettere zur Hälfte aus meinem Loch und strecke die Pfoten in die Sonne. „Einfach so, weißt du. Jedes Rudel hat seinen Bau, ihr habt doch auch eure Nester.“ Der Krähenjunge nickt klug mit dem Köpfchen und äugt neugierig in meine Grube, belässt es aber dabei. Unter der Erde ist ihm wohl unheimlich, denke ich belustigt und tappe nach ihm, dass er die Flügel hoch reißt und hektisch ein paar Schritte davon hüpft.


„Die Erde ist nichts für unsereins, wir haben den Himmel! Warum erschreckst du mich?“ Beleidigt putzt er er sich die Flügel und ordnet sein Federkleid. „Du weißt, dass ich nur spiele“, erinnere ich ihn. „Die große Schwarzfeder hackt mir sonst die Augen aus.“ Belustigt drehe ich mich auf die Seite und beobachte meinen kleinen Freund, der sorgfältig eine Feder nach der anderen durch seinen Schnabel zieht.


„Du würdest mich eh nicht fangen“, gibt er frech zurück, „nicht, solange ich Flügel habe und du nicht.“ Ich lege die Schnauze auf meine Pfoten, blinzle müde und mache die Augen zu. Warum sollte ich meinen Spielgefährten verletzen? Das wäre genauso unsinnig wie Nouka zu beißen, auch wenn mir das beim herum toben schon mal passiert, dass ich vergesse, er ist kein Wolf. Ich erinnere mich, wie schlimm ich mich gefühlt habe, als ich nach seinem Ärmel geschnappt habe und gleich den Arm mit erwischt. Meine Fänge sind nur an ihm lang geschrabbt, aber es hätte auch anders ausgehen können. Ich dachte schon, Nouka kommt dann nicht mehr spielen, aber er hat sich nur über den Arm gerieben und mich gefragt, wann ich denn meine letzte Tollwut-Impfung hatte. Was ist das? Kenne ich nicht, sowas, aber Nouka ist auch nicht krank geworden davon, wenn er das befürchtet hatte. Und auch nicht weggeblieben, was mir Sorge gemacht hatte.


Aber ich muss mir merken, dass Menschensachen nicht so dick sind wie Wolfsfell. Tikaani hätte das wahrscheinlich gar nicht bemerkt und Taiga hätte ich nicht so herrlich herum schleudern können, wenn mir das weh getan hätte. Ich erinnere mich gern an mein Rudel, aber werde auch manchmal traurig davon, weil ich sie vermisse. Seit Nouka mal so ein Flügeltier mitgebracht hat, dass ihm erzählte, es wären Wölfe aufgetaucht, ist nichts neues passiert.


Ich habe mal welche gehört, aber weit weg, und die Stimmen habe ich nicht erkannt. Menekse kann natürlich auch längst neue Welpen gehabt haben, es ist fast Herbst, die Zeit jährt sich, dass mir mein Rudel abhanden gekommen ist. Manchmal schimpfe ich mit mir, dass ich damals so lange gebraucht habe zum Lager zurückzukehren. Es war niemand mehr da. Aber Wölfe leben im hier und jetzt, und machen kann ich da eh nichts mehr.


Ratatak zupft an meinem Fell herum, ich rolle mich auf die andere Seite, dass er wieder hüpfen muss, will er nicht unter meinem Fell eingeklemmt sein. Genauso schnell ist die junge Krähe aber auch wieder heran und zwickt mich in die Rute, flattert um mich herum und setzt sich auf einen Ast in meiner Nähe. „Du, Wolf, was macht dein Mensch eigentlich“, fragt Ratatak und wetzt seinen Schnabel am Holz. Müde blinzle ich. „Warum fragst du? Ich habe keine Ahnung, du bist doch ständig weg, was die Menschen außerhalb des Parks machen, sehe ich nicht.“ „Du kannst ihn doch fragen“, meint meine Schwarzfeder. Mir fällt dazu nichts ein.


Sicher, ich kann Nouka mit fragenden Blicken durchbohren oder ihn mit schief gelegtem Kopf ansehen, dann weiß er, ich möchte etwas wissen. Was, muss er aber trotzdem meistens raten. Ich weiß ja auch nicht immer, was er will, aber ich glaube wir verständigen uns ganz gut, dafür dass er nicht wölfisch spricht und die Menschen so unglaublich viele Wörter haben. Bei uns muss man da mehr beachten, wie wir unser heulen betonen, die Krähen haben einige Sätze in Reihenfolgen, die sie immer und immer wiederholen, aber ich glaube Menschen sagen erstmal das, was sie meinen, mit ihren Wörtern. Betonung ist auch da, aber der gleiche Satz kann ganz unterschiedlich klingen. Möglicherweise auch unterschiedlich gemeint sein, aber da ich nur einen Menschen in meinem Rudel habe, weiß ich das nicht.


Ich vermisse Nouka, das Wetter in den letzten Tagen war oft zu schlecht für unser Rennen, wenn er auf den Rollen unterwegs ist muss es trocken sein. Nachts sind schon mal Gewitter, die wir mögen, weil sich die Luft dann wieder abkühlt, aber die Wege sind am nächsten Tag aufgeweicht. Mein Mensch kommt zwar noch in den Park, aber ist oft auch schnell wieder weg. Von den Kranichen ist ab und zu mal einer weg, so richtig gut sind sie wohl noch nicht im finden gewesen, davon hätte Nouka mir bestimmt erzählt.


Es ist ein ruhiger Nachmittag, obwohl es warm ist, sind nicht viele Menschen da. Die meisten sind in den Ferien oder in einem Bad, einem großen eckigen Teich, wo sie schwimmen und planschen können, weiß Ratatak von seiner Schwester, die immer mal nach ihm guckt aber auch gleich wieder verschwindet. Ich weiß nicht, ob ihr meine Gesellschaft unangenehm ist oder ob sie einfach die Menschen so interessant findet, dass sie oft in deren Nähe ist, aber das ist mir eigentlich auch egal. Ich habe ja schon eine Schwarzfeder, und da es sein Rudel ist würde ich sie auch nicht angreifen.


Wobei mir Ratatak erklärt hat, Vögel (und Menschen) nennen das einen Schwarm. Schon komisch, so viele Wörter für das gleiche. Und dann haben wir den Begriff so richtig auseinander genommen. „Aber nein“, schnarrt er, mein Kräherich, „euer Rudel, das ist ja eine Familie. Ein Schwarm, das sind viele Familien, die sich ein Gebiet teilen. So wie deine Menschen in der Stadt.“ Na, ob die Menschen damit einverstanden wären? „Wie weit geht euer Gebiet“, will ich von ihm wissen. Ratatak streckt seine Flügel von sich, soweit er nur kann. „Der Himmel, die Stadt, der Park. Alles unseres“, erklärt er stolz.


Als er merkt wie ungläubig ich ihn ansehe, hüpft er zwischen meine Pfoten und schnäbelt an meinen Krallen herum. „Du darfst bleiben, hat meine Mama gesagt, solange du nicht noch mehr Wölfe anbringst. Sie hat Angst dass dann das Futter knapp wird, weißt du,“ gibt er sich großzügig. Ich erinnere mich, die alte Krähe hat irgend so etwas zu mir auch schon einmal gesagt, aber ich habe wirklich nicht gedacht dass sie davon überzeugt ist. Gut, dass Krähen so klein sind, denke ich. Wenn die Menschen von ihrem Größenwahn erfahren würden, wären sie wahrscheinlich nicht gleich so beunruhigt dass die zu den gefährlichen Stöcken greifen. Und Krähen sind schnell, die wären im Blau des Himmel verschwunden, bevor die Menschen zurück sind mit ihren Schießeisen.


Ach ja. Warum können nicht mehr von ihnen so sein wie Nouka? Der kann doch auch mit uns umgehen ohne uns den Platz streitig zu machen. Sogar Ratatak scheint ihn zu mögen, sonst würde er nicht immer mal fragen. Wo steckt Nouka überhaupt wieder? Ich heule. Einen langen, hohen Ton, der meine Krähe ein wenig aufschreckt, denn sonst heule ich nur noch wenn es dunkel ist oder Nouka da ist, zur Rudelgemeinschaft gehört das einfach dazu. „Was war das? Warum machst du das, es sind doch noch Menschen im Park“, redet er mir auch gleich rein. Ich stupse die Schwarzfeder leicht gegen den Flügel. „Einfach nur so. So haben wir unsere Rudelmitglieder gerufen, weißt du. Aber ich glaube, Nouka unterscheidet nicht zwischen den verschiedenen Tönen. Vielleicht ist er auch einfach nur nicht in der Nähe.“


Damit habe ich mich allerdings getäuscht, denn irgendwann ist Nouka da, setzt sich zu uns und krault mich hinter den Ohren. Im Moment hat er so eine „Null-Bock-Laune“, sagt er und ist ein bisschen brummelig, so wie Tikaani, wenn sie schlecht geschlafen hat. Irgendwas in der Stadt ist ihm wohl zu viel geworden, denke ich und stelle die Ohren auf und stupse ihn immer mal, dass er weiß, ich bin ja da, wir haben beide unsere Familien weit weg. Wobei Nouka wenigstens weiß wo seine ist, er besucht sie ja ab und zu in den Ferien. Nouka erzählt und ich höre zu. „Manchmal frage ich mich ob es an meinem Job liegt“ sagt er. Kopfschieflegen meinerseits, was ist denn das schon wieder? Und er erklärt mir, dass manchmal einfach Funkstille herrscht wenn er jemandem sagt, er ist Informatiker. Hmmm. Ich weiß nicht was das ist, grummel ihn ein bisschen an, ich bin doch auch noch da, soll das heißen, und ich mag dich, also kann das so was schlimmes nicht sein. Nouka grinst und erklärt mir was er macht, irgendwas mit Computern (so wie der flache Kasten vielleicht?).


Aber dass man mit was mit diesen Dingern macht, ist ja nichts blödes denke ich mir und stupse ihn in die Seite und kriege einen Stupser auf die Nase zurück. Außerdem macht Nouka ja noch ganz viele andere Sachen. Er fliegt auf den Rollen durch den Park und schafft es dass das Feuer sein Freund ist. Vorher hatte ich immer Angst vor Feuer und ein Waldbrand ist auch immer noch was anderes, aber wenn Nouka damit umgeht, kann ich einfach fasziniert zugucken ohne mir Gedanken darüber zu machen. Wenn er mit spielen fertig ist, wird das Feuer einfach ausgemacht oder er spuckt noch einen Feuerball in die Luft und das Feuer ist weg. Er klappert auf dem Kasten herum und schreibt seine Geschichte, und das sind nur die Dinge die ich hier im Park mitbekomme. Wenn er so erzählt, frage ich mich auch, allerdings was anderes, wo das Menschenmädchen bleibt und ob sie vielleicht die Augen zu hat? Aber Menschen können nicht so gut riechen wie wir, also müsste sie dann überall davor laufen... jedenfalls komme ich immer mehr zu dem Entschluss, so geht das nicht, Nouka muss mal raus aus der Stadt.


Als er den flachen Kasten wieder weg packt und schon gehen will, halte ich seinen Schuh zwischen meinen Pfoten fest. Dieses mal ist es Nouka, der mich fragend anschaut. „Ich komme doch wieder, Lyka. Das weißt du doch“, sagt er und erwartet wohl dass ich loslasse, mache ich aber nicht. Ich schnappe mir seine Tasche, wo der flache Kasten drin ist, am Riemen und ziehe ihn mehr als dass er freiwillig mitkommt zum Flussufer. Da erst überlasse ich ihm wieder sich und gucke abwechselnd meinen Menschen und das Wasser an. Das hat er schnell richtig gedeutet. „Achso“, lacht er. „Du willst wohl wieder weg, was? Das könnte ich wohl wirklich mal gebrauchen, Lyka.“ Trotzdem verabschiedet er sich für heute. „Bald habe ich ein paar Tage frei, dann habe ich mehr Zeit“, sagt er. Na hoffentlich.


Bis mein Mensch wieder hier ist, ärgere ich einfach Ratatak und grabe an meiner Höhle weiter. Einmal in der Morgendämmerung kommt vom Fluss aus ein langer, hoher Ton, wie ich ihn vor Tagen gerufen habe. Das kann nur Nouka sein, also heule ich zurück, gebe meinen Standort bekannt. Nochmal so ein Ton, ich laufe hin, wusste ja, er hält sie nicht unbedingt auseinander. Oder doch? „Da bist du ja“, grinst er und klopft auf den Rand der übergroßen Nussschale. Meine Landung in dem Kanu ist schon mal etwas besser als am Anfang, vielleicht auch weil Nouka in der Mitte so einiges mehr gebunkert hat als nur die Tasche mit dem flachen Kasten.


Da ist ein Ding mit Rädern und knubbelige Rollen, die ich auch nicht kenne. Das Einzige, dass mir bekannt vorkommt, ist der Rucksack, mit dem Nouka die Feuersachen in den Park gebracht hat. Da scheint nun Futter drin zu sein, jedenfalls riecht er verlockend, sodass ich etwas länger daran schnuppere als an dem Rest. „Meins, Lyka“, sagt mein Mensch und steuert das Kanu vom Ufer weg. „Das musst du mir schon lassen, aber ich glaube nicht, dass du lange Hunger haben wirst.“ Eine Erklärung bekomme ich nicht, nur grinsen. Ich mag das, wenn Nouka lächelt, dann ist die Welt in Ordnung.


Wir fahren weit den Fluss entlang, viel weiter als vorher, und um uns herum wacht die Welt auf. Die Vögel fangen an mit ihrem tschiepen und zwitschern und zanken, ab und zu höre ich ein keckern von einem wütendem Eichhörnchen oder hektisches klopfen von Spechten. Es wird grün und grüner und erinnert mich so sehr an zu hause, dass ich glauben möchte, es ist nicht weit weg. In den Zweigen und am Ufer huscht und flitzt es, aus dem Wasser springen ab und zu Forellen, meistens ahne ich es nur weil ich das platschen höre und kleine Wellenkreise kurz zeigen, wo sie wieder eingetaucht sind, dann sind sie wieder vom Fluss verschluckt.


Irgendwann kommen wir an eine Stelle, in der Nouka das Kanu ans Ufer lenkt und mich raus scheucht, die ganzen Sachen auch erst einmal an Land gebracht werden. Das Ding mit den Rädern ist für das Kanu, das kommt drauf und die Sachen kommen wieder rein, ein Stück muss Nouka schieben. Ich nehme die Riemen vom Rucksack, ziehe ihn über den Rand und wedel mit der Rute, ich trage das nur, dann hast du es leichter, will ich sagen. Nouka grinst. „Na gut, aber nur tragen, Lyka. Ist immer noch meins.“ Weiß ich doch. So verfressen bin ich nun auch wieder nicht, denke ich, immerhin kann ich ja jagen. Ohne Krallen und metallspuckenden Stock und nur auf zwei Beinen dürfte das für meinen Menschen viel schwerer sein.


Nouka kann das Kanu wieder ins Wasser lassen, wir haben einen großen See erreicht. Ringsherum ist Wald, als wir ein Stück zurück gelegt haben und wieder am Ufer sind, erfahre ich endlich was sich in einer dieser Rollen versteckt, Nouka macht daraus eine Höhle. Menschen können sich ja nicht groß unter die Erde graben, aber sie haben immer eine Idee wie sie trotzdem zurecht kommen. Die Höhle ist ganz dünn, ich kratze ein bisschen an der Wand herum, die gibt sofort nach, kommt aber zurück wenn ich dagegen tappe und meine Pfote wieder wegnehme. Nouka grinst. „Lass das, du machst da noch ein Loch rein“, sagt er. Die andere Rolle packt er mit dem Rest in die Höhle und nimmt aus dem Rucksack nur so ein kleines Ding heraus, das Töne von sich gibt. Das kenne ich schon, ähnliche haben einige Menschen im Park auch dabei. Dieses Ding redet den ganzen Tag vor sich hin, wenn die Menschen das so wollen. „Musik“ nennen die das.


Nouka macht das Ding leise, damit er es zwar hört aber nicht alles im Wald verschreckt, nimmt noch etwas hell blitzendes aus dem Rucksack, sucht sich einen Stock und bearbeitet den damit. Hmm. Gut, Nouka ist beschäftigt. Ich gucke ihn nochmal an, in den Wald, wieder hin, er grinst zurück, „Guck dich ruhig um, Lyka, ich bin nachher noch da, versprochen.“ Mein Bauch grummelt, also lass ich Nouka auch lieber hier. Meine Nase sagt mir, hier ist der Wald noch etwas belebter als im Park, ich habe ganz deutlich die Fährte von einem Beutetier in der Nase. Aber keine anderen Wölfe, stelle ich fest. Also niemand, der mich aus seinem Revier verscheuchen kann.


Viel zu aufgeregt schnuppere ich am Boden herum, es ist so lange her dass ich etwas anderes gejagt habe als Kaninchen und Hasen und kleinere Pelzwesen. Ich merke richtig, wie mir das fehlt. Bald entdecke ich eine Spur von einem jungen Rehbock, der verletzt zu sein scheint, die Fährte geht nicht einfach geradeaus sondern verläuft wackelig über den Waldboden und es liegt der typische metallisch-süße Geruch in der Luft, der leichtes Spiel verspricht. Fast schon nur aus Freude darüber verfalle ich ins schleichen, wenn ich mich im Unterholz verstecken kann tappe ich etwas schneller der Fährte nach, verharre wieder, und weiter geht es. Als einzelne Wölfin muss ich mich mit kleiner Beute begnügen, aber wenn der Rehbock schon so schwach ist wie es den Anschein hat, habe ich eine Chance. Ich bin neugierig, ob ich es schaffe, aber auch einfach hinterher schleichen macht einen Sinn für mich, es ist schon so lange her... ich muss aufpassen, dass ich übers schwelgen nicht das jagen vergesse.


Von unserem Lagerplatz kommt Noukas Heulton. Blöd. Zurück heulen, dass alles in Ordnung ist und ich noch da bin oder die Beute verfolgen? Widerwillig schnuppere ich, ob noch mehr Beute in Frage kommt, aber das verlockendste bleibt der Rehbock. Vielleicht ist es ja auch nur ein Tier, das seine Herde verloren hat, so wie ich? Noch einmal höre ich meinen Menschen, hebe die Schnauze, antworte, gebe aber noch einige tiefe Töne von mir wie ich sie von Tikaani kenne, hoffentlich deutet er das richtig. Zumindest ist es wieder ruhiger, die Geräusche passen sich wieder dem Wald an. Nichts lenkt mehr von meiner Spur ab.


Bald sehe ich auch, wen ich da eigentlich verfolge, und ich hatte Recht. Der Rehbock ist noch ein jüngeres Tier, von diesem Jahr wahrscheinlich, das er es so weit geschafft hat verwundert mich eigentlich. Eines seiner Hinterbeine zieht er mehr hinterher als damit aufzutreten, für mich perfekt, dann kann er nicht um sich treten. Menekse hat uns beigebracht, davor auf der Hut zu sein. Einen Beuterest in der Schnauze, den sie hin und her schüttelt wenn wir unser Jagdspiel machen, lehrt die Welpen, wie Beutetiere sich wehren. Dem Jagdtrupp zeigt sie damit an, auf was wir unsere nächste Jagd ausrichten.


Mein Rehbock sieht sich erst um, als es für ihn schon fast zu spät ist und ich auf ihn zu springe. Als ich ihn zu Fall gebracht und erlegt habe weiß ich auch warum, er scheint über so einen glatten Menschenweg gelaufen zu sein, wo die Blechkisten herum rasen. Früher oder später wäre er sogar für Raben eine leichte Beute gewesen, das Bein ist einfach nicht mehr in Ordnung, eigentlich hat die Blechkiste ganze Arbeit geleistet. Dann doch lieber einen Wolfsmagen füllen, die Raben und Krähen haben dann immer noch genug, denke ich. Außerdem weiß ich ja nicht, wie lange wir hier bleiben. Als ich satt bin, heule ich, ein Zeichen für alle dass das meine Beute ist und ich zurück komme, und reiße noch ein Stück ab, dass ich Nouka mitbringen kann. Schließlich kümmert man sich um sein Rudel. Dann mache ich mich auf den Rückweg, meine eigene Fährte zu verfolgen ist nicht schwer, auch wenn mir ständig der Geruch von Noukas Anteil um die Nase streicht.


Als ich zurück komme hat mein Mensch schon ein paar weitere Zweige bearbeitet. Ich schnüffele ein bisschen daran herum, aber warum er die Rinde abgemacht hat, versteh ich nicht. Bestimmt wieder so eine Menschensache. Nouka erklärt mir, dass die Muster, die er da hinein geritzt hat, die Schrift aus seiner Geschichte sind, die er schreibt. Unsere Beute guckt er eher mit gemischten Gefühlen an, das schöne Fleischstück scheint nichts für ihn zu sein. „Danke, aber ich hab meine Sachen alle hier drin“, sagt Nouka und klopft auf den Rucksack. „Ich hab dir ja gesagt, das ist meines, und du wirst trotzdem satt...“ ein bisschen grummelig macht mich das schon, schließlich habe ich es für ihn mitgebracht, aber gut, wenn er nicht will, verkommen lasse ich es nicht. Gebe ihm das auch zu verstehen, in dem ich in mich hinein brummele. Nouka grinst. „Sorry, Lyka“, sagt er, „danke, aber keine Chance, dass ich das esse.“ Hmpf. Menschen soll einer verstehen.


Nouka holt lieber ein kleines Ding aus dem Rucksack, dass einen Bauch aus Feuer hat und macht sich darauf etwas zu essen warm. Während er damit herum hantiert habe ich mein Fleisch längst in der Nähe eingegraben und gucke ihm zu, Nouka erzählt mir ein paar Sachen aus der Stadt. Dass er eine neue Spielegruppe hat, in der er Anschluss hat und etwas spielen kann dass er „Pen and Paper“ nennt, was genau das ist weiß ich nicht, aber es klingt immer sehr lustig was er davon erzählt. Schade dass sowas nicht immer sein kann, denn wenn Nouka von den Abenden nach Hause kommt, muss er durch unseren Park, das ist immer sehr spät. Manchmal begrüße ich ihn dann noch und wir schimpfen noch ein bisschen den Mond an und heulen zusammen, aber meistens ist Nouka zu müde dazu und ich zugegebenermaßen auch... jetzt ist Mittag, und ich roll mich zu einem Nickerchen ein. Mein Mensch hat ein großes, flatteriges Ding zwischen zwei Baumstämmen aufgehängt und döst auch ein wenig vor sich hin. Schade, dass die Welt nicht immer so friedlich sein kann, denke ich noch und lasse mich von den Geräuschen des Waldes in den Schlaf lullen.

Nachmittags ist Nouka nicht da, natürlich mache ich mich auf die Suche und finde ihn auch am See. Weit weg am anderen Ufer planschen Zweibeiner herum, ich bin mir nicht sicher ob Nouka sie hören kann, ich schon. Sehen bestimmt, diese hüpfenden Punkte. Mein Mensch schwimmt gemütlich im Wasser herum, noch so etwas dass ich von Menschen nicht verstehe. Wir schwimmen ja auch und springen ins Wasser wenn uns zu warm ist, aber wir würden nie ohne Grund einen See so überqueren. Auf dem Land fühlen wir uns schon sicherer. Und jagen kann man im Wasser auch nicht richtig, was soll man da? Vorsichtig tappe ich mit einer Pfote ins Wasser, ziehe sie wieder raus und setze mich lieber ans Ufer und beobachte. Nein, das ist nicht wirklich was für mich.


Ein kleiner schwarzer Punkt am Himmel lenkt mich ab, wird größer, zu einem flatterndem Federball. Verärgert schlägt die Krähe mit den Flügeln, lässt sich auf dem Kanu neben mir nieder, das Nouka ein Stück an Land gezogen und befestigt hat. „Warum hast du nicht gesagt, dass du weg gehst? Willst dich wohl verdrücken ohne deinem Freund Lebewohl zu sagen, was?“ Ich ziehe die Lefzen hoch und fahre Ratatak mit der Zunge über sein Federkleid, „Unsinn, ich bin ja nicht lange weg“, sage ich ihm. „Nouka macht Ferien, ein paar Tage, er musste mal raus. Ich bin froh, dass ich ihn dazu überredet habe.“ Neugierig hüpft die Krähe auf den Boden und am Ufer hin und her. „So, deine Idee, ja? Hast du Wölfe gefunden“, fragt Ratatak. „Hast du Rudel gefunden?“ „Zumindest mein Vorschlag, ob er auch drüber nachgedacht hatte, weiß ich nicht. Das nicht, aber ich kann dir zeigen, was ich gefunden habe“, gebe ich ihm zu verstehen und stehe auf, mache mich auf den Weg zu meiner Beute.


Ratatak ist beeindruckt, auch wenn ich erst einen Fuchs weg scheuchen muss, der sich an meiner Beute gütlich tun wollte. Ich bin noch satt, also strecke ich mich einfach aus und lasse dem Kräherich die unverhoffte Mahlzeit, aber ein bisschen froh bin ich, dass er den Rest seiner Sippe nicht auch noch mitgebracht hat. So langsam verstehe ich, was die alte Schwarzfeder meinte. Wölfe und Krähen leben zwar miteinander, aber Futterneid haben wir trotzdem. Rangeleien gehören einfach dazu. „Du kommst auch wirklich wieder“, fragt er, „obwohl du hier besser jagen kannst?“ Am liebsten würde ich die Augen verdrehen, wie ich das schon bei Menschen beobachtet habe, wenn jemand eine komische Frage stellt. „Ich glaube nicht, dass Nouka lange hier bleibt“, gebe ich stattdessen zurück. Dass ich nicht hier allein zurück bleibe, sollte die Krähe doch begriffen haben. „Schon, aber du willst ja auch irgendwann dein Rudel suchen oder hast du aufgegeben“, fragt der Federwisch weiter. „Ich suche das schon was, immer der Reihe nach“, grummele ich. „Tikaani und die anderen können sonst wo sein. Was meinst du, warum ich sie nicht gefunden habe bisher? Inzwischen wüsste ich nicht einmal mehr, wo ich anfangen soll...“


Meine Krähe putzt sich den Schnabel an einem Knochen sauber. „Ich helfe dir, ja? Wenn ich Wölfe sehe, dann fliege ich zu dir und sage es dir...“ „Danke“, mehr fällt mir dazu nicht ein. Die große Krähe hat das auch mal getan, ich glaube eher um mich los zu werden, aber im großen und ganzen geht es mir ja gut in meinem Park. „Wenn Nouka da ist, habe ich ja mein Rudel bei mir“, gebe ich der Krähe zu denken und raffe mich auf um mich auf den Rückweg zu machen. Mein Mensch ist dabei, sich was zu essen zu machen, ich roll mich neben ihm ein. Heute ist es etwas kühler, da traue ich mich näher an das Feuerding, schließlich passt Nouka darauf auf. Zwar schön warm, aber leider nicht so wie in meinem Rudel einfach spüren dass die anderen auch da sind. Es ist eben was anderes ob die Wärme von Feuer kommt oder von einem Rudelmitglied. Nouka grinst, als ich meinen Kopf unter seinen Arm schiebe und fängt an mir über die Nase zu streichen. „Na, Lyka? Schon was anderes als der Park, hm?“ Ich wiefe nur halb zustimmend. Der Wald hier ist anders, vertraut aber auch ungewohnt, nachdem ich schon so lange zumindest tagsüber mit Zweibeinern mein Revier teile.


Und ohne Nouka wahrscheinlich schnell langweilig, ich bohre meine Nase in seine Hand, stupse dagegen, zieh ein bisschen am Ärmel. Ich bin in Spiellaune, mein Mensch leider nicht, er ist wohl zu müde. Aber Geschichten erzählen kann er noch, von Kanufahrten, die noch weiter gingen, noch größeren Wäldern und richtigen wilden Tieren. Was er mit richtig wild meint, weiß ich nicht, ich glaube Menschen sagen das schnell wenn sie große Beutetiere sehen. Oder Tiere, die gleich flüchten. So, wie ich es eigentlich auch getan habe, bis ich meinem Menschen über den Weg gelaufen bin und ihn adoptiert habe. Ich wäre auch gerne in diesen Wäldern unterwegs, auf Streifzug. Doch ich möchte auch Nouka besuchen können, wann ich mag. Ich bezweifle, dass Menschen von sich aus in einem Wald leben würden, aber wer weiß? Dass das Rudel ihn genauso mögen würde, wie ich, denke ich eigentlich schon. Vielleicht könnten wir sogar lernen, wie man sich als Wolf gegenüber den Menschen verhalten soll, dass sie uns nicht jagen. Nicht jeder Mensch hat einen Metallstock, und noch weniger Zweibeinern dürfte es um unser Fell gehen, sie haben doch Sachen... Während Nouka noch ein bisschen von einem ganz anderen Land erzählt, döse ich ein wenig ein und mache mir meine eigenen Gedanken dazu. So weit muss er nicht laufen, um sein Menschenmädchen zu finden, oder? Ich darf ja nicht scheuchen, aber vielleicht halte ich die Augen im Park einfach noch mehr offen, wenn wir wieder dort sind. Vielleicht finde ich dich ja. Oder du uns?

9.8.16 18:13

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