Lyka 9 – neue Wege

Lyka 9 – neue Wege

Tikaani

Ganz leise rascheln die Blätter unter den Pfoten der schwarzen Wölfin. Sie ist vorsichtig, sucht die Fährte, hält inne, schnuppert wieder. Der Geruch ihres Ziels hängt noch in der Luft. So weit kann sie nicht gekommen sein, denkt sie, prüft immer wieder den Weg der Spur, sieht sich um. Dass die andere immerhin unverletzt ist, nimmt sie schon wahr, und endlich findet sie Maisha. Die junge Wölfin hat sich in ihrer wilden Flucht in Sträucher gestürzt und in Zweigen verheddert, die sie in ihrer Panik für unüberwindbar hält.


„Ganz ruhig, ich bin es, Tikaani“, meldet sich die schwarze, als Maisha zusammen zuckt. Geduldig, aber immer wieder die Luft prüfend, sammelt sie die Zweige aus dem Weg und befreit das sich windende Nervenbündel. Maisha fiept wie ein Welpe. In ihren Ohren knallen noch die Schüsse der Jäger, die im Wald längst verhallt sind. „Kannst du laufen“, fragt Tikaani und gräbt die Schnauze in das braune Nackenfell. „Das Rudel wartet, dass wir wieder aufschließen, aber nicht lange, es ist hier nicht mehr sicher...“ Vorsichtig rappelt Maisha sich auf, die Vorderläufe knicken weg, aber endlich steht sie und wedelt leicht mit der Rute. „Das war nur der Schreck“, erwidert sie tapfer. Genauso wie jeder andere Wolf weiß sie, dass das Rudel Verletzte auf der Flucht nicht brauchen kann. Sie würde zurückbleiben müssen, das muss sie nicht erst lernen, es wäre das Wesen der Wölfe.


Aufmunternd zieht Tikaani die Lefzen hoch. „Dann mal los, Kleine.“ Auf dem Weg zum Lager schweigen sie. Die große Wölfin läuft vorweg, sehr langsam, damit der Abstand zwischen ihnen nicht zu groß wird. Die jüngere gibt sich Mühe, immer wieder aufzuholen, sieht oft, sehr oft verschreckt um sich. Sie scheint ihren Wald noch nicht so recht wieder zu erkennen. „Die Menschen sind weg“, versichert Tikaani, „aber wir wissen nicht, wann sie wieder kommen...“ Als sie das Lager erreichen, läuft Menekse, die Leitwölfin, ihnen entgegen, beißt Maisha sachte in die Schnauze, blickt dankbar zu Tikaani, die ihr das Junge zurück gebracht hat. Für mehr bleibt keine Zeit, Amar und Menekse versammeln das Rudel. Die meisten Wölfe sind mit dem Schrecken davon gekommen, nur Taiga und Runa fehlen.


Gaya hat gesehen, dass Taiga gestürzt ist, alle haben das Metall und das Blut gerochen, aber niemand weiß, wo Runa ist. „Ich gehe nochmal zurück“, beschließt Tikaani, aber Amar stellt sich ihr in den Weg. „Wir brauchen dich hier. Rigami, Hafgan und du müssen einen Weg für uns finden, der uns so weit wie möglich von den Jägern wegführt. Die schwarze Wölfin legt die Ohren an, will etwas erwidern, aber sie weiß es. Als Beta kundschaftet man aus und beschützt das Rudel. Man setzt die Anordnungen der Leitwölfe bei den anderen Rudelmitgliedern durch, denn die Betas sind die größten und stärksten Tiere der Gruppe. Sie sind die misstrauischen, die prüfen, warnen, angreifen, wenn es sein muss. Gaya, die weiße, duckt sich, als Tikaanis Blick sie streift.


Die Wölfin knurrt nur leise, bevor sie sich Rigami und Hafgan anschließt. Gemeinsam machen sich die drei auf die Suche. Jede Richtung wird auf menschliche Witterung überprüft und ausgeschlossen, wenn die Spuren frisch sind. Am Ende bleibt der Weg über den Fluss. Rigami, die leichteste der drei, steigt vorsichtig ins Wasser, Pfote für Pfote, hat festen Stand. „Das schaffen die jungen auch“, meint sie, „die Strömung ist nicht so stark.“ Sie geht tiefer ins Wasser, lässt sich ein wenig treiben bevor sie ans andere Ufer schwimmt. Tikaani und Hafgan tun es ihr gleich.


Einen ganzen Tag sind sie unterwegs, bevor sie den Wald verlassen. Vor ihnen erstreckt sich eine kahle Landschaft, steppengleich, soweit sie sehen können, durchbrochen von einzelnen Strauchgruppen. Hafgan stößt ein leises, tiefes Bellen aus. „Soll das unser einziger Weg sein? Zu wenig Deckung...“ Tikaani beobachtet eine Weile die Landschaft. Es scheint ruhig zu sein... „Dafür können wir aber auch die Menschen schnell schnell sehen“, gibt sie zu bedenken. „Das ist Amars und Menekses Entscheidung, wir sollten ihnen Bescheid geben.“ Sie steht auf, tritt den Rückweg an. Rigami stupst sie an der Schulter. „Sollen Hafgan und ich nicht besser hier bleiben,“ fragt sie leise. „Wenn sich etwas tut, können wir Alarm geben. Ihr schlagt dann doch eine andere Richtung ein und gebt uns Bescheid, dann holen wir später wieder auf.“ „Meinetwegen“, brummt Tikaani und trottet davon. Hafgan sieht irritiert die silbergraue an, schweigt aber als sie ihren Kopf unter seine Schnauze schiebt und an dem Fell an seinem Hals knabbert.


Auf dem Weg zum Rudel fällt Tikaani in den ausdauernden Trab der Wölfe, so wird sie schneller zurück bei ihrem Rudel sein. Trotzdem gehen ihr eine Menge Gedanken durch den Kopf. Sie ist gerne ein Beta, eine der Berater und Beschützer des Rudels. In ihren Augen ist es eine spannende Aufgabe, den Aufenthalt der Beute auszukundschaften, die Angriffsmöglichkeiten. Neue Gebiete gehören nicht zum Alltag, nur die Grenzen abschreiten, auf Eindringlinge prüfen. Sie wollte immer, aber nicht wegen einer solchen Situation, in dieser Größenordnung. Mit Runa und Gaya Geschichten darüber ausdenken, sie mit Gayas Erinnerungen an ihr altes Gebiet zu verknüpfen, hat mehr Spaß gemacht.


Sie vermisst die kleinere, obwohl sie sie so gerne gepiesackt hat. Sie vermisst die unbeschwerten Tage, in denen sie sich die Welpen in die Fänge gescheucht haben, mit den kleinen um die Wette gelaufen sind. Die letzten Welpen sind Maisha, Taiga und Helaku, inzwischen schon Jungwölfe, wie Runa im letzten Winter und Tikaani das Jahr davor. Unter ihren Pfoten raschelt das Laub, Graupelzchen huschen erschrocken davon, die schwarze beachtet sie gar nicht. Hunger spürt sie nicht, vor ein paar Tagen noch hat sich das Rudel an einem Hirsch satt gefressen. Alles was zählt, ist dem Rudel Nachricht zu bringen und aufzubrechen.


Hier und da hebt sie den Kopf, schnuppert ob Menschen aufgetaucht sind oder sie Runas vertrauten Geruch aufschnappt, aber nichts von beidem ist der Fall. Die Schritte ihrer Pfoten werden von Moospolstern und Teppichen aus Laub und alten Nadeln der Bäume abgedämpft. Oben in den Zweigen huschen Vögel und Eichhörnchen herum und jagen sich gegenseitig Zapfen und Bucheckern ab, nicht ohne viel Gezeter. In Erdlöchern und Gebüschen verstecken sich Langohren, Graupelzchen und einmal kreuzt ein Fuchs ihren Weg, sie sehen sich kurz an, der Fuchs verschwindet schnell hinter einer Gruppe junger Tannen. Tikaani trottet weiter, ihre Gedanken kreisen um das Rudel, um Taiga, Runa. Wo ist sie bloß hin verschwunden?


Plötzlich kommt Tikaani eine vertraute Witterung in die Nase, schwach weht ihr der Geruch einer einzelnen Wölfin um die Nase. Sie folgt der Fährte, sie an einem Bachlauf aufhört. Sie sucht beide Ufer des Baches ein Stück ab, doch die Spur endet im Wasser. Aus der Ferne klingt ein hohes Heulen, das gleich wieder aufhört. Menekse fragt wo sich ihre Rudelmitglieder befinden. Tikaani prüft noch einmal die Luft auf Menschen, bevor sie antwortet, ein hoher, langgezogener Laut. Aus der Richtung, in der sie Rigami und Hafgan zurück gelassen hat, kommt ebenfalls eine Antwort. Sie lauscht. Meldet sich auch die vermisste Wölfin? Nichts... „Toll gemacht, Runa“, schnaubt die schwarze, bevor sie sich wieder auf den Weg zum Rudel macht. Es wird Zeit, sie darf die Leitwölfe nicht warten lassen.


Schließlich trifft sie wieder auf ihr Rudel und berichtet Menekse und Amar die Lage. In der Frühe wird das Rudel aufbrechen. Die Nacht ist die letzte in ihrem vertrauten Wald, die Wölfe rücken dicht zusammen, egal welchen Rang sie im Rudel haben. Der vertraute Geruch der anderen beruhigt sie ein wenig, sie sind eine Familie, werden morgen gemeinsam aufbrechen in ein neues Leben, ein neues Gebiet. Amar und Menekse liegen nebeneinander zwischen Maisha und Helaku, Tikaani bewacht die kleiner gewordene Gruppe. Mingan, der graue, zuckt im Schlaf mit den Läufen und gibt ein leises Bellen von sich, das Gaya wiefend beantwortet, obwohl sie fest zu schlafen scheint. Durch das trockene Gras huscht und raschelt es überall, kleine Pelzwesen sind unterwegs und einige Insekten summen und zirpen ihre Lieder in die Nacht hinaus. Geräusche, die die Wölfe jede Nacht in den Schlaf begleitet haben.


Tikaani verdreht die Ohren, als ein Wolf sich heranschleicht und neben sie setzt, aber beobachtet weiter die Umgebung. „Du solltest auch schlafen, Netis“, grummelt sie, aber der andere Wolf schaut ebenfalls zu den Bäumen, die ihre geschützte Lichtung eingrenzen. Schließlich streckt er die Läufe weit genug um sich ins Gras zurück sinken zu lassen. „Hast du Runa gefunden?“ Wieder schnaubt Tikaani, verdreht die Augen. „Ich war mit Hafgan und Rigami unterwegs, wie du weißt, und Amar hatte es verboten, wie du gehört hast. Was willst du hören?“ Netis wieft leise, kaum hörbar, die anderen sind zu nah an ihnen als das sie sich verständigen können ohne dass jemand etwas mit bekommt. Als Antwort drückt er die Nase in Tikaanis Fell. „Ich hatte die Witterung, aber sie muss durch den Bach geflohen sein,“ gibt die schwarze schließlich zurück. Netis rutscht noch ein Stück an sie heran, legt den Kopf auf Tikaanis Pfoten und schläft ein. Bei der großen Betawölfin fühlt er sich sicher, genau wie Gaya und Runa es normalerweise tun. Tikaani brummelt und beobachtet weiter. Irgendwann döst auch sie ein wenig ein, Netis rappelt sich auf und sie tauschen die Plätze.


Als die Morgendämmerung einsetzt, regt sich das Rudel bereits. Tikaani läuft vor, ihre eigene Spur zurück verfolgend, die Leitwölfe in der Mitte. Die Jungen wechseln ständig die Seiten, wenn es Amar zuviel wird knurrt er, ruft sie zur Ordnung. Netis, Mingan und Gaya laufen als Nachhut. So stehen sie sich nicht gegenseitig im Weg, wenn sie fliehen müssen, aber die Alphatiere sind geschützt von allen Seiten. Wenn es darauf ankommt, die Gefahr zu groß ist, reicht es wenn Amar und Menekse überleben. Sie bauen das Rudel wieder auf. Sie wissen das, schweigend folgen sie dem Pfad, den der Erkundungstrupp gelegt hat. Maisha hat sich von ihrem Schreck erholt und läuft ausdauernd mit den anderen mit, vielleicht ist es auch die Aufregung, die sie vorantreibt, Schritt für Schritt.


Den Fluß überqueren zuerst die beiden jungen Rüden, dann Amar und Menkse, Gaya, Tikaani bleibt bei den Jungwölfen. Auch Maisha und Helaku erreichen das andere Ufer, ohne dass die große eingreifen muss. Menekse stimmt den Ortungsruf an, das Rudel fällt mit ein als Hafgan und Rigami sich melden. Wölfe von anderen Rudeln melden sich nicht, vor ihnen liegt kein Revier. Eine Sorge weniger, aber auch kein Zeichen für ihre Sicherheit...


Runa

Im Kopf der Wölfin hämmert es. Sie blinzelt und öffnet die Augen. Um sie herum ist es dunkel, aber sie erinnert sich langsam. Schüsse waren, das weiß sie noch, Taiga haben sie gekriegt, die Menschen. Sie erinnert sich, was Gaya von den Menschen erzählt hat, sie sind gefährlich mit ihrem Hunden und Eisenstöcken, die Metall spucken, aber sie will nicht alles glauben, was die weiße berichtet hat. Vorsichtig zieht sie ihre Pfoten an sich heran und rappelt sich auf, sieht sich um. Sie sitzt in einem Loch, um sich herum Erde und Wurzeln, aber über ihr scheint die Sonne. Hinauf springen schafft sie nicht, also fängt sie an zu graben. Immer wieder ruht sie aus, schläft, wartet dass die Erinnerung zurückkommt, sich zu einem Ganzen fügt.


Als Runa sich endlich einen Weg geschaffen hat, klettert sie aus dem Loch, in das sie gefallen ist, wahrscheinlich ein alter Bau, der schon verwittert war und unter ihrem Gewicht nachgegeben hat. Witternd hebt sie die Nase, versucht sich zu orientieren. In der Nähe ist ein Bach, von dort muss sie gekommen sein, ihre Fährte führt dort entlang. Lange sucht sie die Ufer ab, bis sie ihre eigene Spur wieder findet, ein anderer Wolf war hier, sie wittert, es ist schon ein paar Tage her. Die Spur ist vertraut, also muss es jemand aus ihrem Rudel sein.


Die Wölfin braucht lange, schläft viel auf dem Weg zum Lager. Als sie den Ruheplatz erreicht, ist er verlassen. Während Runa sich weiter an Tikaanis Spur auf dem Weg zum Rudel gehalten hat, ist ihre Familie zu neuen Wegen aufgebrochen. Sie reckt die Schnauze in die Luft, ruft die anderen, bekommt aber keine Antwort außer Hundegebell weit weg. Erschöpft lässt sie sich ins Gras fallen. Die Jäger werden nicht in der Nacht kommen, Menschen haben schlechte Augen im dunkeln, hat Gaya gesagt. Morgen wird sie aufbrechen, das Rudel suchen, soweit sie ihre Fährte verfolgen kann.


5.8.16 09:40

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